• 19.11.2009, 20:02:10
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Nach der Niederlage: Plädoyer für Österreichs Fußball" (von Hubert Gigler)

Ausgabe vom 20.11.2009

Graz (OTS) - Die Nation ist also wieder dort angekommen, wo sie
sich genüsslich ausbreiten kann in der Gefühlswelt zwischen Neid und
Selbstmitleid als typischen Merkmalen der österreichischen Seele - im
Fußball-Niemandsland. Die zeitliche Parallele markiert den
Ist-Zustand als wahrlich einschneidendes Ereignis. An dem Tag, als
sich das rot-weiß-rote Nationalteam von Spanien demütigen lassen
musste, erhob sich das kleine Slowenien in den Rang einer
Weltmeisterschafts-Macht. Solche Ereignisse sind geeignet, das
ohnehin unterentwickelte Selbstbewusstsein wegen Geringfügigkeit
vollends abzuschalten.

Dabei ist am gleichen Abend auch Überraschendes geschehen. Das
österreichische Publikum hat das Volk nämlich diesmal untypisch
repräsentiert. Die bis zum Schluss anhaltende positive Stimmung unter
den Zuschauern könnte zumindest als Indiz für eine Trendwende
gedeutet werden. Denn überfällig ist er schon längst, der
Gegenentwurf zur heimischen Wesensart, die stets geprägt war von
Mieselsucht und Minderwertigkeitsgefühlen. Der Fußball als ein
klassisches Abbild gesellschaftlicher Strömungen eignete sich immer
besonders gut, diese Züge ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.
Warum kann also nicht die - laut herkömmlicher Klassifizierung -
Nummer eins im Sport zur Bühne für einen Wandel werden. Schließlich
soll ja, überspitzt formuliert, die Macht vom Volk ausgehen. Es
scheint, als hätten die Menschen zumindest ein wenig Zutrauen
gefunden zum "jungen" Weg, den der in diesem Jahr eingesetzte
Nationaltrainer Didi Constantini eingeschlagen hat. Ihn konsequent
weiterzuverfolgen, ohne Rücksicht auf partielle Rückschläge, würde
gleichfalls das alte Muster von Jauchzerei und Trübsalblasen
konterkarieren.

Österreich ist auch nach wie vor als ein Land zu identifizieren, in
dem der Sport im Allgemeinen und ganz spezifisch der Fußball mit
einem gravierenden Imageproblem zu kämpfen hat, wo Fans in gewissen
Kreisen noch immer als gesellschaftliche Randgruppen angesehen
werden, von den Ausübenden ganz zu schweigen. Der
gesellschaftspolitische Stellenwert des Fußballs ist geringer als in
den meisten europäischen Staaten, wiewohl sich viele politische
Repräsentanten zeigen, wo sie schön gesehen werden können.

Die Bewusstseinsveränderung ist oberstes Gebot, um das ewige
Jammertal zu verlassen. Die Fußballer müssen ihren Teil dazu
beitragen, aber dass Österreich notorisch schlecht (und ebenso
schlechtgeredet) sein muss, ist kein ungeschriebenes Gesetz.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:redaktion@kleinezeitung.at, http://www.kleinezeitung.at

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