"Kleine Zeitung" Kommentar: "Zurück aus der Dusche wieder mitten im Spielgeschehen" (Von Reinhold Reiterer)

Ausgabe vom 19.11.2009

Graz (OTS) - Die Jubelkundgebungen waren enden wollend. Am Wochenende stellte die ORF-Geschäftsführung den 35 Stiftungsräten den Finanzplan, sprich das Budget 2010, zu. Am Montag einigte sich die große Koalition auf eine Novellierung des 2001 verabschiedeten ORF-Gesetzes.

Klaus Pekarek, der vom Land Kärnten geschickte Vorsitzende des ORF-Stiftungsrates, erblickt in diesem Konvolut alles andere als einen großen Wurf, er spricht vom "kleinsten gemeinsamen politischen Nenner" und bedauert, "dass man die Chance versäumt hat, den ORF strategisch und strukturell langfristig neu zu positionieren".

Voll Häme berichten die Printmedien vom "teuersten ORF-Transfer aller Zeiten". Die ÖVP ließ sich eine zeitlich befristete Refundierung der Gebührenbefreiung in der Höhe von 160 Millionen Euro schon ab 2010 mit einer Personalie abkaufen. Der jetzige Chefredakteur im ORF-Landesstudio Niederösterreich, Richard Grasl, wird neuer ORF-Finanzdirektor. Damit hat die VP einen absoluten Vertrauensmann in der ORF-Geschäftsführung, der sich einerseits als Gegenkandidat zu Generaldirektor Wrabetz positionieren kann und der ein entscheidendes Wort bis zum Auslaufen der Amtsperiode von Wrabetz und Co. Ende 2011 mitzureden hat.

Seinerzeit fand der kurzzeitige Unterrichtsminister Helmut Zilk den Proporz in der Schule zum Kotzen. Warum fällt er mir gerade jetzt ein? Weil der Kuhhandel das Maß aller Dinge in der koalitionären Medienpolitik ist? Was werde er nicht alles zur Frauenförderung im ORF unternehmen, schrieb Wrabetz in seine Bewerbung. Die einzige Frau in der Geschäftsführung, die VP-nahe Sissy Mayerhoffer, ließ er wie eine heiße Kartoffel fallen. Die Finanzdirektorin ist seit Montagnacht Chefin im Bereich "Humanitarian Broadcasting". Alexander Wrabetz hat diesen (Rück-)-Tritt auf die ganz feine englische Art hingekriegt.

Überhaupt, der ORF-Alleingeschäftsführer ist schon ein bewundernswertes Stehaufmanderl. Vor einem Jahr hätte wohl niemand auch nur einen luckerten Heller auf seine Zukunft gesetzt. Vom Bundeskanzler abwärts zweifelten rot-schwarze Spitzenpolitiker dessen Fähigkeiten an, so ein Unternehmen wie den ORF zu führen.

In der Kickersprache ausgedrückt, befand sich Wrabetz bereits in der Kabine unter der Dusche. Jetzt ist er wieder auf dem Spielfeld und verteilt die Bälle. Und hat überhaupt keinen Genierer, die Begehrlichkeiten der Parteizentralen zu erfüllen.****

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