Österreichs erster Rheumabericht zeigt Handlungsbedarf bei der Versorgung von Betroffenen

Wien (OTS) - Rheumatoide Arthritis (rA) gilt neben der Gicht und
dem Morbus Bechterew als die häufigste entzündliche Erkrankung des rheumatischen Formenkreises. Rund 62.500 (1) Österreicher sind derzeit allein von rA betroffen und die Tendenz ist steigend. Die Auswirkungen der Krankheit sind für den Patienten enorm, denn die Gelenkszerstörung beeinflusst das ganze Leben, sei es im privaten oder beruflichen Bereich. Der Erste Österreichische Patientenbericht rheumatoide Arthritis spiegelt erstmals die aktuelle Situation sowie die Bedürfnisse und Wünsche von diesen Rheumapatienten wieder. Laut Patientenbericht geht es rund einem Viertel der Befragten derzeit eher schlecht mit ihrer Erkrankung. Die Ursachen dafür sind vielfältig.

Rheumatoide Arthritis ist nach wie vor nicht heilbar, durch adäquate medikamentöse Therapien bestehen jedoch sehr gute Behandlungsmöglichkeiten. Die Ergebnisse des Österreichischen Patientenberichts Rheumatoide Arthritis zeigen jedoch, dass die Zeitspanne vom ersten Symptom bis zum Beginn der Behandlung noch viel zu lange ist. Laut Patientenbericht vergehen rund 16,4 Monate vom ersten Symptom bis zur Diagnose. Bis der Patient tatsächlich behandelt wird, vergeht nochmals ein knappes halbes Jahr. Grund dafür ist unter anderem auch die Versorgungsstruktur in Österreich. "Wir müssen uns eine deutliche Beschleunigung der Diagnosefindung, sowie eine intensive Ausbildung der Ärzte im niedergelassenen Bereich und einen niederschwelligen Zugang zu Rheumatologen zum Ziel setzen, um eine optimale Patientenversorgung im ganzen Land zu erreichen", so Dr. Günther Wawrosky von der Österreichischen Ärztekammer. Laut Patientenbericht wird auch der Tatsache zu wenig Beachtung geschenkt, dass Patienten mit rheumatoider Arthritis eine verkürzte Lebenserwartung von durchschnittlich fünf bis acht Jahren aufweisen. Zu den häufigsten Todesursachen zählen Herz-Kreislauferkrankungen, die durch eine hohe rheumatische Entzündungsaktivität bedingt sind. So ist auch das Anliegen von 48 Prozent der Betroffenen zu verstehen, der Krankheit in der Öffentlichkeit einen höheren Stellenwert beizumessen und den Erkrankten mehr Respekt und Akzeptanz entgegen zu bringen. Die Pressekonferenz bildet den Auftakt zur 60. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie und Rehabilitation, die von 20. bis 21. November in Graz stattfindet.

Österreich ist mit Rheumatologen unterversorgt

Rund 51 Prozent der Befragten gaben an, Ihre Diagnose in einer Spezialambulanz bzw. im Rahmen eines stationären Aufenthalts erhalten zu haben, 36 Prozent erhielten ihre Diagnose bei einem niedergelassenen Facharzt. Die stationäre Versorgung von Rheumapatienten ist in Österreich relativ gut abgedeckt. Im ambulanten Bereich bestehen jedoch aufgrund der geringen Anzahl an Ambulanzen große Versorgungsdefizite. So gibt es in Österreich 27 internistische Krankenhausambulanzen (in öffentlichen Krankenanstalten mit rheumatologischer Expertise), wobei 10 davon in Wien sind. Im niedergelassenen Bereich existieren 77 Internisten mit rheumatologischer Expertise, wobei nur 12 von ihnen einen Kassenvertrag haben. In der Steiermark, in Tirol und Vorarlberg existieren keine entsprechenden Ärzte mit Kassenvertrag. "Gerade bei schweren Verläufen ist es wichtig, um das Ziel einer Remission oder zumindest einer niedrigen Krankheitsaktivität zu erreichen, dass sich der Patient regelmäßig und kurzfristig an seinen Facharzt wenden kann, um ein optimales Therapieergebnis zu erzielen. Umso verständlicher und auch wünschenswert ist daher auch das Anliegen von 70 Prozent der Patienten, einen Facharzt für Rheumatologie oder eine Rheumaambulanz in der Nähe zu haben. Dieses Anliegen ist jedoch nur durch eine flächendeckende Versorgung zu erreichen, die wir von der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie dringend fordern", so Prim. Dr. Burkhard Leeb, Vorstand der 1. und 2. medizinischen Abteilung Landesklinikum Weinviertel Stockerau, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie und Rehabilitation.

Umfassendes Angebot an qualifizierten rheumatologischen Leistungen in Österreich

Um eine flächendeckende Versorgung zu gewährleisten und den Status quo an qualifizierten rheumatologischen Leistungen zu erheben, hat die ÖGR eine zweiteilige Studie in Auftrag gegeben. Die erste Analyse hat das Ziel, die Angebote für Leistungen in der Rheumatologie im niedergelassenen, krankenhausambulanten und stationären Bereich zu erheben. Als Basis dafür dient die von der Österreichischen Rheumaliga und der ÖGR 2007 erstellte Rheumalandkarte. Mag. Dr. Johannes Hohenauer, Senior Berater und Geschäftsführer der Ebner Hohenauer HC Consult GmbH, sieht die Ergebnisse der ersten Analyse so: "Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Abdeckung im stationären Bereich relativ gut ist, während im ambulanten Bereich große Defizite bestehen. Sowohl qualitativ, als auch in Bezug auf die regionale Versorgungsabdeckung besteht Optimierungsbedarf." Die zweite Analyse beschäftigt sich mit der Erhebung von Preisen für Leistungen in der Rheumatologie im niedergelassenen, krankenhausambulanten und stationären Bereich. "Anzustreben ist eine spezifische, an Qualitätskriterien gebundene Leistungsvergütung, um eine ökonomische Besserstellung der rheumatologischen Leistungen zu erhalten", fasst Hohenauer das Ziel der zweiten Analyse zusammen."

Frühpensionierung oft als Folge der Erkrankung

Rheumatische Erkrankungen zählen zu den am meisten verbreiteten Krankheiten. "Nahezu in jeder österreichischen Familie befindet sich ein rheumakrankes Mitglied, wobei die Krankheit auch nicht vor Kindern halt macht", so Burkhard Leeb. Rheumatoide Arthritis mündet häufig in Gelenkzerstörung und funktioneller Behinderung. Die Folge daraus ist eine Beeinträchtigung der Lebensqualität und somit oft auch eine damit verbundene Einschränkung der Erwerbstätigkeit, zumal die Krankheit am häufigsten zwischen dem 35. und 50. Lebensjahr auftritt. Dies bestätigt auch der Patientenbericht, denn 57 der Befragten sind noch keine 60 Jahre alt. Weiters zeigt der Patientenbericht, dass 24 Prozent der Befragten krankheitsbedingt in Frühpension sind. Im Vergleich dazu sind etwa nur acht Prozent der Asthmapatienten aufgrund ihrer Erkrankung frühpensioniert. Ca. 14 Prozent der befragten Betroffenen geben an, durch ihre Erkrankung ihren Arbeitsplatz verloren zu haben. "Wie der Patientenbericht zeigt, führt die rheumatoide Arthritis unweigerlich in eine verminderte Erwerbstätigkeit. Dies ist umso gravierender als viele Rheumapatienten trotz ihrer Beschwerden weiter im Berufsleben stehen wollen. Um die gleichen Arbeitsleistungen wie ihre gesunden Kollegen erbringen zu können, können sie durch verschiedene Rehabilitationsmaßnahmen unterstützt werden. Es kommt zu weniger Arbeitsausfällen, wenn die Arbeitsbedingungen an die Bedürfnisse von Patienten mit rheumatoider Arthritis angepasst werden", so Dr. Walter Pöltner, Sektionschef, Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz.

Forderung nach mehr Öffentlichkeitsarbeit

An rheumatoider Arthritis zu erkranken ist für viele Betroffene mit massiven Einschränkungen verbunden und bedeutet für viele auch, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Umso verständlicher und nachvollziehbarer ist der Wunsch von über 60 Prozent der Befragten, dass ihr Umfeld so gestaltet ist, dass sie möglichst wenige Einschränkungen im täglichen Leben haben. "Dazu ist es auch wichtig, dass der Krankheit von der Öffentlichkeit mehr Beachtung geschenkt wird. Die öffentliche Aufmerksamkeit gehört nach wie vor den tödlichen Erkrankungen", so Burkhard Leeb. Warum den rheumatischen Erkrankungen noch immer so wenig Beachtung geschenkt wird, liege unter anderem daran, dass es bis vor etwa 15 Jahren noch keine allzu wirksamen Therapien gegeben hat, was sich heute stark verändert habe, so der Experte. Besonders wichtig ist es den Patienten (53 Prozent), dass auch Vertreter öffentlicher Einrichtungen wie beispielsweise Amtsärzte oder Chefärzte Verständnis für die Erkrankung haben. Rund 32 der befragten Patienten vermissen dieses Verständnis. Den Grund dafür fasst die Betroffene und Präsidentin der Rheumaliga zusammen:
"Meiner Meinung nach wird die Krankheit auch noch immer verharmlost, dazu kommt, dass Rheuma keine "ansehnliche Krankheit" ist. Deformierungen an Händen und Gelenken werden oft nicht als Krankheit erkannt. In der Bevölkerung herrscht auch die Meinung vor, dass man an Rheuma nicht sterben kann. Das ist auch richtig, denn die Menschen sterben nicht an der Krankheit selbst, sondern an deren Folgen, am häufigsten aber an Herz-Kreislauferkrankungen, die durch eine hohe rheumatische Entzündungsaktivität bedingt sind", so Frau Loisl.

Die Initiative Erster Österreichischer Patientenbericht

Die Umfrage zur rheumatoiden Arthritis wurde im Zeitraum zwischen Juli 2008 und Juli 2009 im Rahmen des Ersten Österreichischen Patientenberichtes durchgeführt. An der Befragung haben sich 685 Patienten beteiligt. Ziel des Projektes ist es, den österreichischen Patienten bei gesundheitspolitischen Entscheidungen eine Stimme zu geben, mit der sie ihre subjektiv erlebten Wünsche und Bedürfnisse in Bezug auf ihr Leiden artikulieren können. Durch anonymisierte Patientenumfragen zu verschiedenen chronischen Erkrankungen, die bundesweit durchgeführt werden, sollen die Anliegen von Patienten eruiert, Optimierungspotenziale im österreichischen Gesundheitssystem erhoben und die Ergebnisse den zentralen Akteuren und Entscheidungsträgern des Gesundheitswesens übermittelt werden. Denn speziell chronisch kranke Patienten haben ein genaues Bild davon, wie sie mit ihrer Krankheit leben und umgehen wollen, und was sie sich von einem solidarischen Gesundheitssystem wünschen. "Durch höchste Transparenz und Einbindung möglichst vieler relevanter Interessensvertreter stellen wir sicher, dass sowohl die Datenerhebung als auch die Auswertung objektiv und ohne Verzerrungen erfolgen", erläutert Mag. Hanns Kratzer, Geschäftsführer von PERI Consulting. Der Patientenbericht ist ein qualitätsgesicherter Prozess und arbeitet mit Umfragen bei Betroffenen und deren Angehörigen. Der dazu benötigte Fragebogen wird von einer Patienten-Arbeitsgruppe in zwei bis drei Workshops unter der Leitung eines Mediators erstellt. Die Kooperationspartner haben die Möglichkeit spezifisch definierte Fragen zu formulieren und in die Umfrage einzubringen. Nach der finalen Prüfung durch die Abteilung Public Health an der Medizinischen Universität Wien werden diese Fragebögen österreichweit verteilt und schließlich von renommierten Marktforschungsinstituten ausgewertet. Die Stimme des Patienten erhält im Österreichischen Patientenbericht eine Form des transparenten Ausdrucks und kann so in relevanten gesundheitspolitischen Entscheidungen mitberücksichtigt werden. "Der Erste Österreichische Patientenbericht ist sowohl für die Patienten als auch für die öffentlichen und politischen Institutionen sehr wertvoll, denn er ermöglicht stufenweise und langfristig an der Versorgungsstruktur und den Therapieoptionen für an chronischen Erkrankungen leidenden Menschen zu arbeiten", so Kratzer.

60. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie und Rehabilitation in Graz

Vom 20. bis 21.11.2009 treffen sich die rheumatologisch tätigen Ärzte Österreichs heuer in Graz, wo die Gesellschaft vor 60 Jahren gegründet wurde. Der Patientenbericht und die Studie von Dr. Hohenauer werden dort ebenso diskutiert wie neueste Möglichkeiten der Diagnose und Therapie rheumatologischer Erkrankungen.

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Die in diesem Pressetext verwendeten Personen- und Berufsbezeichnungen treten der besseren Lesbarkeit halber nur in einer Form auf, sind aber natürlich gleichwertig auf beide Geschlechter bezogen.

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1) Berechnung lt. Statistik Austria X/2007; angenommene Prävalenz 0,75%/Prävalenz 0,5 - 1%. Rheumatologie in Kürze, Hrsg.: Villinger P, Seitz M, S. 572006, Thieme Verlag

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