- 16.11.2009, 09:42:21
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die Bilanzpolizei macht keinen Börsenfrühling - von Alexis Johann
1307 Euro und 50 Cent hat der Österreicher für Aktien übrig.
Wien (OTS) - Gäbe es den durchschnittlichen Österreicher, hätte
dieser ein Geldvermögen von 52.300 Euro und Kredite in der Höhe von
17.400 Euro angehäuft. Von seinem Vermögen hielte er 1830 Euro als
Bargeld zurück, legte 24.900 Euro auf Sparbücher, freute sich auf
7700 Euro aus Versicherungsansprüchen, zeigte mit 4650 Euro in
festverzinslichen Wertpapieren Mut zum dosierten Risiko und ließe
sich mit knapp 3900 Euro zu Investmentzertfikaten, die von der Bank
mit einer Garantie ausgestattet wurden, überreden. Es bliebe der
magere Betrag von 1307 Euro und 50 Cent, den dieser Sparer für Aktien
übrig hätte.
Sowohl das Vermögen als auch die Schulden sind im
sozial-marktwirtschaftlich geführten Österreich sehr ungleich
verteilt, daher gibt es viele, die über weniger als der Median
verfügen und wenige, die weit darüber liegen. Als Abziehbild der
Realität kann dieses Durchschnittsbild jedoch sehr gut
veranschaulichen, was sowohl finanziell erfolgreichen als auch den
weniger erfolgreichen Mitbürgern fehlt und was Aktienforumspräsident
Hellmut Longin unter "schwedischen Verhältnissen" vorschwebt:
Lebendige Aktienkultur.
Börsengänge wären in der zweiten Jahreshälfte durchaus möglich
gewesen, die Stimmung ist gut, wie auch OMV-Chef Wolfgang
Ruttenstorfer eingesteht. Doch es gibt offenbar einiges, was
Österreicher von Aktien-Veranlagungen abhält und einiges, was die
erfolgreichen Familienunternehmen dieses Landes vor der Hereinnahme
fremden Eigenkapitals abschreckt. Die vergangenen zehn Jahre, die mit
dem Platzen der Libro- und Yline-Blasen eingeläutet wurden und von
der Hoffnung auf einen Börsen-Run unter schwarz-blau ihre Fortsetzung
fanden, sind ohne wesentliche Verhaltensänderung vorüber gegangen.
Die Österreicher meiden Aktien. Wiener Börsen-Schwergewichte
schwanken unter dem Druck internationaler Investoren atemberaubend,
weil heimatliche Unterstützung fehlt.
Das Schwierige ist, dass sich die Lösungen dieser Probleme sogar
widersprechen. Longin fordert, der Finanzmarktaufsicht die Zähne zu
schärfen, sie auch unangemeldete Ad-Hoc-Prüfungen machen zu lassen.
Das würde sicher das Vertrauen der garantieveröhnten Österreicher,
die Aktien derzeit mit MEL und Immofinanz verbinden, in die Börse
steigern. Vielleicht soweit, dass man wie in den Niederlanden Aktien
auch im Supermarkt kaufen will. Diese Bilanzpolizei - und der damit
verbundene bürokratische Mehraufwand - würde jedoch die Skepsis
steigern, die viele Familienbetriebe ohnehin gegenüber der Börse
haben. Doch gerade sie müssten den Stoff für einen Wiener Aktienboom
schreiben.
Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Tel.: Redaktionstel.: (01) 60 117/305
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