WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die Bilanzpolizei macht keinen Börsenfrühling - von Alexis Johann

1307 Euro und 50 Cent hat der Österreicher für Aktien übrig.

Wien (OTS) - Gäbe es den durchschnittlichen Österreicher, hätte dieser ein Geldvermögen von 52.300 Euro und Kredite in der Höhe von 17.400 Euro angehäuft. Von seinem Vermögen hielte er 1830 Euro als Bargeld zurück, legte 24.900 Euro auf Sparbücher, freute sich auf 7700 Euro aus Versicherungsansprüchen, zeigte mit 4650 Euro in festverzinslichen Wertpapieren Mut zum dosierten Risiko und ließe sich mit knapp 3900 Euro zu Investmentzertfikaten, die von der Bank mit einer Garantie ausgestattet wurden, überreden. Es bliebe der magere Betrag von 1307 Euro und 50 Cent, den dieser Sparer für Aktien übrig hätte.

Sowohl das Vermögen als auch die Schulden sind im sozial-marktwirtschaftlich geführten Österreich sehr ungleich verteilt, daher gibt es viele, die über weniger als der Median verfügen und wenige, die weit darüber liegen. Als Abziehbild der Realität kann dieses Durchschnittsbild jedoch sehr gut veranschaulichen, was sowohl finanziell erfolgreichen als auch den weniger erfolgreichen Mitbürgern fehlt und was Aktienforumspräsident Hellmut Longin unter "schwedischen Verhältnissen" vorschwebt:
Lebendige Aktienkultur.

Börsengänge wären in der zweiten Jahreshälfte durchaus möglich gewesen, die Stimmung ist gut, wie auch OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer eingesteht. Doch es gibt offenbar einiges, was Österreicher von Aktien-Veranlagungen abhält und einiges, was die erfolgreichen Familienunternehmen dieses Landes vor der Hereinnahme fremden Eigenkapitals abschreckt. Die vergangenen zehn Jahre, die mit dem Platzen der Libro- und Yline-Blasen eingeläutet wurden und von der Hoffnung auf einen Börsen-Run unter schwarz-blau ihre Fortsetzung fanden, sind ohne wesentliche Verhaltensänderung vorüber gegangen. Die Österreicher meiden Aktien. Wiener Börsen-Schwergewichte schwanken unter dem Druck internationaler Investoren atemberaubend, weil heimatliche Unterstützung fehlt.

Das Schwierige ist, dass sich die Lösungen dieser Probleme sogar widersprechen. Longin fordert, der Finanzmarktaufsicht die Zähne zu schärfen, sie auch unangemeldete Ad-Hoc-Prüfungen machen zu lassen. Das würde sicher das Vertrauen der garantieveröhnten Österreicher, die Aktien derzeit mit MEL und Immofinanz verbinden, in die Börse steigern. Vielleicht soweit, dass man wie in den Niederlanden Aktien auch im Supermarkt kaufen will. Diese Bilanzpolizei - und der damit verbundene bürokratische Mehraufwand - würde jedoch die Skepsis steigern, die viele Familienbetriebe ohnehin gegenüber der Börse haben. Doch gerade sie müssten den Stoff für einen Wiener Aktienboom schreiben.

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