"Kleine Zeitung" Kommentar: "Und sie bewegen sich doch" (Von Reinhold Dottolo)

Ausgabe vom 1.11.2009

Graz (OTS) - Nicht gegen den "Muff von tausend Jahren", der
sich unter den Talaren angesammelt habe, treten sie an. Mit den Losungen der inzwischen meist in Ehren ergrauten Veteranen der 68er-Bewegung haben die in den Universitäten und auf den Straßen demonstrierenden österreichischen Studenten wenig gemein. Es ist eher der Mief der überfüllten Hörsäle, der sie verärgert. Es sind das Warten auf Ausbildungsplätze und die mangelhafte Betreuung durch zu wenige Professoren, die sie empören.

Kurzum: Keine von ideologischem Sendungsbewusstsein erfüllte Gruppe hat sich hier im Großen und Ganzen zu Wort gemeldet. Es ist eine, der es vor allem um sehr praktische Überlegungen geht und die nicht länger die Folgen einer inkonsistenten Bildungspolitik erleiden will. Als Wursteln auf hohem - akademischem - Niveau könnte man diese umschreiben. Als eine, die erkennbare Probleme selten löste und den Rest unter den Teppich kehrte.

Eine Teilschuld daran ist auch den Studenten zuzuschreiben. Zu lange schienen diese und deren politische Vertreter vom öffentlichen Diskurs abgemeldet. Ein kritisches Aufmucken gab es selten, die Hochschülerschaftswahlen näherten sich, was die Beteiligung betrifft, der Peinlichkeitsgrenze und die Studenten vermittelten überzeugend den Eindruck, jedes gesellschaftspolitische Engagement willigst dem raschen eigenen Fortkommen unterzuordnen. Generation Scheuklappe sozusagen.

Doch siehe da: Sie bewegen sich doch. Die letzten Wochen haben vieles umgedreht. Mögen die in den Hörsälen laut gewordenen Forderungen auch teilweise unrealistisch oder wie im Falle des besetzten Audimax in Wien lächerlich wirken. Dass sie erhoben werden, ist dennoch zu begrüßen.

Weit über den universitären Bereich hinaus wurden durch die überraschende studentische Aufmüpfigkeit bildungspolitische Themen transportiert. Dass ein freier Hochschulzugang ohne viel mehr Geld für die Unis schwer möglich sein wird, wissen inzwischen mehr Österreicher als zuvor. Ebenso erkennen diese stärker als bisher, dass hier in Summe keine elitären und verwöhnten Fratzen protestieren, sondern dass in unseren hohen Schulen tatsächlich Not am Mann und an der Frau ist.

Gut also, dass die Studenten zurück auf die Bühne gefunden haben. Noch besser wäre es allerdings, würden sie dies auch zu konstruktiver Selbstreflexion nützen: Die Universitäten als eine Art Wurlitzerorgeln zu sehen, die alle Stückeln spielen, ohne dass auch von den Studenten etwas hineingeworfen wird, das wird nicht gehen. Nicht nur in Zeiten wie diesen. ****

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