- 30.10.2009, 12:06:40
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Elektronische Gesundheitsakte sorgt weiter für Diskussionen
Föderalismus und gegenseitiges Misstrauen verzögern Fortschritte im Bereich E-Health - IT-Branche gibt sich verschnupft - Erste ELGA-Pilotprojekte bereits 2010 möglich

Wien (OTS) - Digitale Laborbefunde, E-Medikation oder der
Online-Zugriff auf Diagnosen und Krankheitsverläufe: Der Einsatz von
Informations- und Kommunikationstechnologien im heimischen
Gesundheitswesen ist weiter umstritten. Vom "Gebot der Stunde" bis
zum "bedrohlichen Schritt" reicht dabei die Meinungspalette von
Experten, die das Thema bei einer Veranstaltung der
APA-E-Business-Community gestern, Donnerstagabend, in Wien
diskutierten.
Vor allem der Föderalismus und die unterschiedlichen Interessen
der Beteiligten dürften für Verzögerungen sorgen. "Es ist das Gebot
der Stunde, die vorhandene Technologie zu verwenden und nicht mehr
lange zu diskutieren", erklärte Alexander Schanner, Programm-Manager
der Arbeitsgemeinschaft Elektronische Gesundheitsakte (ARGE ELGA),
die mit der Umsetzung des Projekts beauftragt ist. "Auch mir geht es
zu langsam. Ich bin aber in diesem strukturellen Korsett gefangen",
verwies er auf die politischen Rahmenbedingungen.
Es gebe ein "inhomogenes Spannungsfeld", weshalb zuerst das
Misstrauen zwischen den Beteiligten abgebaut werden müsse. Fronten
existierten etwa zwischen Sozialversicherung und Bund, aber auch
zwischen einzelnen Ländern. "Wenn sich die Politik durchringt, die
Finanzierung freizugeben", seien erste ELGA-Pilotprojekte regional
allerdings bereits im kommenden Jahr umsetzbar. Entschieden werde
über die Freigabe der Gelder voraussichtlich noch im November.
Standards statt Insellösungen
Die Konzeption und Planung erfolge gemeinsam mit Bund, Ländern und
Sozialversicherungen, "weil die ja auch dafür bezahlen, und nicht
durch die IT-Branche", reagierte Schanner auf entsprechende Kritik.
Durch die konsequente Anwendung internationaler Standards würden
Insellösungen einzelner Hersteller vermieden. Damit sei Österreich
"bestens gerüstet, einen Datenaustausch im internationalen Umfeld zum
Nutzen seiner Bürger, aber auch seiner Gäste, durchführen zu können".
IT-Anbieter würden "ihre Chance im Zuge der Umsetzung haben, wenn
sie bereit sind, offene Systeme auf Basis internationaler Standards
zu liefern", sagte Schanner, der "fiebrige Schübe" bei Lieferanten
von proprietären - also "hauseigenen", nicht standardisierten -
Lösungen ortet. Der Euphorie durch die erwarteten Umsätze sei ein
böses Erwachen gefolgt, da man keinen Wildwuchs von Insellösungen
wünsche.
Geplant sei auch ein Portal, über das die Bürger auf ihre Daten
zugreifen und einsehen könnten, wer wann welche Daten abgerufen hat.
Abgewickelt werden soll das über die Bürgerkarte. Diese sei
allerdings "nicht wahnsinnig weit verbreitet", weshalb auch andere
Technologien - etwa Handy-TANs - in Betracht kämen. "Insgesamt haben
wir noch mehrere Triathlons zu absolvieren bis wir am Ziel sind", so
Schanner.
IKT-Sektor kritisiert Verzögerungen
Kritik an der zögerlichen Umsetzung kommt auch von der
IKT-Branche: "Seit dem Jahr 2005 haben wir überall brav
mitgearbeitet, aber es hat sich wenig getan", erklärte Manfred Rieser
von der Telekom Austria. Außerdem sei viel an Innovation verloren
gegangen, weil nur große Unternehmen "die Luft dazu haben, so lange
mitzumachen". Kleinere würden dadurch ausgeschlossen. Aber auch
Branchengrößen könnten sich zurückziehen, "wenn der Public Partner es
nicht schafft, österreichweit geltende Rahmenbedingungen und damit
auch ein kalkulierbares Risikoszenario zu schaffen".
Es könne in einem kleinen Land wie Österreich nicht zugelassen
werden, dass jedes Bundesland seine eigene E-Health-Strategie
gestalte. "Wir fordern einen starken Public Partner, der zusichern
kann, dass in einem Bundesland gemachte Erfahrungen nicht neunmal neu
wiederholt werden müssen", so Rieser. Vielmehr sollte man die Grenzen
endlich überwinden - egal ob zwischen Kärnten und Slowenien oder der
Steiermark und dem Burgenland, "wobei Letzteres anscheinend
schwieriger ist."
Datensammlung zur Bürgerüberwachung
ELGA sei im besten Fall eine Datensammlung zur Bürgerverwaltung,
im wahrscheinlichsten Fall zur Bürgerüberwachung, kritisierte
hingegen Christian Euler, Präsident des Österreichischen
Hausärzteverbands (ÖHV). Schließlich würde der Gesetzgeber immer
wieder neu definieren, welche Daten den Behörden zur Verfügung
gestellt werden müssten, die sie zur Erfüllung ihrer Aufgaben
benötigen.
Auch das beste System sei knackbar, wobei er keine Angst vor der
Entblößung von Peinlichkeiten mancher Prominenter habe. "Vielmehr
befürchte ich eine vollkommen legale Nutzung der Daten durch die
Bürokratie", sagte Euler. Bereits jetzt werde viel elektronisch
abgewickelt. "Jeder Schritt mehr ist ein bedrohlicher Schritt." Es
werde "für alle Zukunft eine Datenbasis geschaffen, durch die im
Laufe der Zeit die fürchterlichsten Dinge passieren können".
Die Basis der Reform sei das Misstrauen der Bürokraten gegenüber
Ärzten und Patienten, das Ziel der Reform sei Einsparung. "Wer kann
zwischen diesen Eckpunkten auf positive Ergebnisse hoffen?", fragte
sich der Ärzte-Vertreter. "Durch ELGA werden Krankheiten gut
verwaltet und Kranke schlecht behandelt. Da werden Daten mit
Informationen und Informationen mit Kommunikation verwechselt", so
Euler.
"Umsetzen statt diskutieren"
Differenziert bewertete Harald Lakatha, Geschäftsführer von IT
Solution, die ELGA-Einführung. Einerseits verstehe er nicht, dass
wegen einzelner Problemfelder gleich das ganze Projekt abgelehnt
werde, andererseits stünden sich Datenschutzinteressen und die
Notwendigkeit, einen Gesamtüberblick über den Patienten zu erhalten,
gegenüber. Grundsätzlich sei ELGA aber ein Quantensprung, "weil ich
Daten abrufen kann, ohne wissen zu müssen, wo sie liegen", strich
Lakatha hervor.
Ein wichtiger Punkt sei die Selbstbestimmung des Patienten über
seine Gesundheitsdaten. "Im Datenschutzgesetz ist das Recht jedes
Individuums verankert, die über ihn gespeicherten Daten einzusehen,
bei Nichtbedarf zu löschen und bei Fehlerhaftigkeit korrigieren zu
lassen. Diese drei Grundsätze müssen auch im Gesundheitsbereich
angewandt werden", sagte Lakatha. Um dies effektiv durchführen zu
können, sei ein elektronischer Zugriff der Patienten auf die eigenen
Daten erforderlich.
Fight Dr. Offline vs Dr. Online
"Widerstände hat es auch bei der E-Card immer wieder und von allen
Seiten gegeben. Letztendlich waren die Leute, die sie benutzt haben,
begeistert", ergänzte Thomas Jäkle vom WirtschaftsBlatt. Internet
sowie die stärkere Vernetzung und Partizipation der Patienten seien
Trends, die sich nicht aufhalten ließen. Allerdings habe die
Ärzteschaft derzeit ein massives Problem mit Patienten, die sich
online informieren. "Den Fight Dr. Offline vs Dr. Online fürchten die
Götter in Weiß wie der Teufel das Weihwasser", so Jäkle. Der mündige
Bürger fordere aber Kommunikation sowie Mit- und Ansprache.
Bei all diesen Themen stehe die Frage im Vordergrund, "wie diese
sensiblen Daten gehandhabt werden. Wer hat Zugang, wer speichert was
wo?", gab sich Robert Ludwig vom Systemintegrator NextiraOne
überzeugt. Hier seien höchste Ansprüche an Datensicherheit,
Verschlüsselung und Performance notwendig. "Wie bei der klassischen
Medizin ist immer die richtige Diagnose der Anforderungen und die
Dosierung der Medikamente der Schlüssel zur Gesundung", so Ludwig.
Weitere Bilder zum Event unter:
http://pressefotos.at/m.php?g=1&u=43&dir=200910&e=20091029_e&a=event
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- NextiraOne www.nextiraone.at
- seeyou 3.0 www.seeyou.at
- Telekom Austria www.telekom.at
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- WirtschaftsBlatt Verlag AG www.wirtschaftsblatt.at
- Wirtschaftskammer Österreich www.wko.at
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Barbara Rauchwarter
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