• 20.10.2009, 16:05:11
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"KURIER"-Kommentar von Josef Votzi: "Das Gusenbauer- Gespenst geht um"

Werner Faymanns neue Liebe für Benita Ferrero hat durchsichtige Gründe.

Wien (OTS) - Die gespenstische Szene spielt im Jänner 2008. Alfred
Gusenbauer und Wilhelm Molterer baten ein Jahr nach Start der
Neuauflage von Rot-Schwarz eine Journalistenrunde ins Wiener
Restaurant "Grünauer", das Lieblings-Wirtshaus des Kanzlers.
Die Inszenierung der 1. Geburtstagsfeier ging gründlich daneben.
Denn die schlechte Stimmung war zum Greifen. So gut wie alle
Minister kamen, aber die meisten gingen so früh sie konnten. Auch der
damalige VP-Vizekanzler war, als der Hauptgang abserviert wurde,
plötzlich dahin. "Der ist vielleicht gerade unterwegs ins
ZiB2-Studio, um allein das Regierungsjubiläum im Fernsehen
abzufeiern", stichelte ein Journalist am Kanzlertisch. Gusenbauers
lautstarke Antwort machte den Rest des Abends im ganzen Lokal die
Runde: "Mir ist wurscht, was der macht."
Ein halbes Jahr später waren die beiden einander so "wurscht",
dass Molterer die Reißleine Richtung Neuwahlen zog.
Anfang Dezember begeht die Regierung Faymann/Pröll ihren ersten
Geburtstag. Fix ist bisher nur, dass nach dem VP-Finanzminister an
diesem Tag nun auch der Kanzler eine Rede zur Lage der Nation halten
will.
Noch ist es wohl übertrieben, die miese Stimmung in der Ära
Gusenbauer/Molterer mit der zunehmenden Missstimmung im Kabinett
Faymann/Pröll gleichzusetzen.
Damals brachte die ÖVP-Dauerblockade mit gelegentlicher Eifersucht
auf den Kanzlerposten Rot-Schwarz nach zwanzig Monaten zu Fall. Jetzt
scheint die Eifersucht des Kanzlers auf seinen Vize zum Dauergast am
Kabinettstisch zu werden - inklusive Haxlstellen und Blockade.
Denn seit Pröll mit seiner Rede an die Nation öffentlich
nachhaltig punktete, entdeckt Faymann seine Liebe zu Ferrero. Ein
durchsichtiges politisches Ränkespiel, das sich vor Tisch noch anders
gelesen hat (siehe Story rechts außen). Beim Pröll-Vorstoß für ein
vorzeitiges Aus für die Hackler-Regelung steigt Faymann schlicht auf
die Njet-Bremse. In der Ära Gusenbauer mutierte die ÖVP zur
Nein-Sager-Partei. Kehren sich unter Faymann die Rollen um?
Es gibt Indizien, dass die Ursachen für den mehr verzweifelten als
entschlossenen Rundumschlag des Kanzlers viel tiefer gehen. Die
Faymann-SPÖ droht nach einer Serie von Wahlniederlagen bald so
dramatisch außer Tritt zu geraten wie ihre deutsche Schwesterpartei
SPD. Ihr bescheinigte der SPD-Kenner Heribert Prantl jüngst in der
Süddeutschen Zeitung bayrisch-deftig: "Das innerparteiliche Feuer ist
erloschen. Es brennt nichts mehr in der SPD, es glimmt nur noch ein
wenig. Um die kümmerlichen Reste des alten Feuers drängen sich die
sogenannten Spitzen der Partei und handeln sich aus, wer im nächsten
Jahr in die Glut blasen soll."
Faymann versucht dieser Tage mit aller Kraft, endlich mehr Feuer
für die SPÖ in der Koalition zu entfachen. Bevor ihm Gusenbauers
Schicksal droht und die Partei sich auf die Suche nach dem Nächsten
macht, der in die glimmende rote Glut blasen soll.

Rückfragehinweis:
KURIER, Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649
mailto:[email protected]
www.kurier.at

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