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Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Die gar nicht so gute alte Zeit"
Ausgabe vom 6. Oktober 2009
Wien (OTS) - Die Europäische Union kann aufatmen. Irland hat die
neue EU-Verfassung - auch wenn diese jetzt nicht mehr so heißt - im
zweiten Anlauf mit großer Mehrheit angenommen. Freilich ist noch
immer nichts fix, droht doch aus Prag und London neues Ungemach. Doch
selbst wenn auch das überwunden werden sollte, ist der Union dringend
anzuraten, das besorgte Grummeln ihrer Bürger ernster zu nehmen. Die
meisten Europäer haben zwar den Wert eines großen Wirtschaftsraums
und einer gemeinsamen Währung in Krisenzeiten erkannt. Sie sind aber
zunehmend frustriert, dass die EU, das einstige Schutzschild gegen
nationalen Bürokratismus und Protektionismus, nun selbst ein
übernationaler Superregulierer geworden ist, mit dessen Hilfe Lobbies
ihnen genehme Vorschriften durchsetzen können. Und zwar weit mehr,
als sie es früher in den einzelnen Staaten geschafft haben.
Solange der enorme Apparat der Kommission, solange jeder einzelne
Kommissar den eigenen Erfolg und Fleiß an der Zahl der erlassenen
Richtlinien und Verordnungen misst, wird der Unmut der Bürger immer
lauter werden.
*
Geschichten eines Richard Lugner sind immer mit Vorsicht zu
behandeln. Aber wenn nur ein Funken von dem stimmt, was er da lang
und breit der "Süddeutschen Zeitung" erzählte, dann war
Bundespräsident Adolf Schärf in den 50er Jahren in Zusammenspiel mit
Funktionären der damaligen Länderbank ein Profiteur von Insiderhandel
und Kursmanipulationen an der Wiener Börse.
Gewiss: Selbst, wenn es stimmt, wäre alles längst verjährt; zudem
waren die Gesetze damals deutlich anders. Aber die Story des
Baumeisters sollte uns doch ein wenig zur Vorsicht gemahnen,
vergangene Epochen von vornherein als moralisch gute und anständige
Zeiten einzuordnen.
Man denke etwa auch an den heute unbestritten Hang John F. Kennedys
zu exzessiven Seitensprüngen - während wir jahrzehntelang an die
wunderschöne Story von der perfekten Idealfamilie jenes
amerikanischen Präsidenten geglaubt hatten.
Vielleicht war früher nur die Bereitschaft viel größer, die unguten
Seiten der Mächtigen zu vertuschen. Beamte, Geheimdienste, vielleicht
auch Medien hielten das offenbar für ein notwendiges Element einer
über allem stehenden Staatsräson.
http://www.wienerzeitung.at/tagebuch
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