• 02.10.2009, 11:06:50
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Sinnhaftigkeit von Einsparpotenzialen bei Medikamenten?

Das "Salzburger Pilotprojekt" ist der falsche Ansatz

Wien (OTS) - Was demnächst in Salzburg startet, soll in ganz
Österreich kommen. Ärztinnen und Ärzte sollen zur Verschreibung des
"günstigsten" Präparates gezwungen werden, sonst drohen Strafen.

"Was auf den ersten Blick für den Laien zielführend scheint, birgt
große Detailprobleme", so Dr. Christoph Reisner, Ärztekammerpräsident
in Niederösterreich. "Ganz abgesehen davon, dass die Preise vieler
Medikamente beinahe täglich schwanken, ist dieser Ansatz ein
Eingeständnis, dass Gleiches vielleicht doch nicht gleich ist", so
der Ärztekammerpräsident weiter.
Beim vorliegenden Ansatz geht es überwiegend um die Verschreibung von
Generika, also wirkstoffgleiche Medikamente verschiedener Hersteller.
"Wenn erwiesen wäre, dass alle Medikamente einer Wirkstoffgruppe
gleich wären, könnte man problemlos den "billigsten" als einzigen
überhaupt erlauben. Dann wäre man die Probleme wirklich los. Mit dem
Salzburger Ansatz der "Wahlmöglichkeit" verschiebt man jedoch die
gesamte Verantwortung zu den Ärztinnen und Ärzten und setzt diese
auch noch finanziell unter Druck."

Gleiches ist offenbar doch nicht gleich

Ganz abgesehen davon, dass Präsident Dr. Reisner die nachhaltige
Kostenreduktion dieser Maßnahme in Frage stellt, fordert er die
Entscheidungsträger auf, endlich Farbe zu bekennen: "Die
Gesundheitspolitik muss entscheiden, ob sie die beste oder die
billigste Versorgung für die Versicherten haben will. Aber nicht auf
dem Rücken der verschreibenden Ärztinnen und Ärzte, die gesetzlich
dazu verpflichtet sind, die beste Versorgung zu leisten. Einen
Strafrichter interessiert es im Zweifelsfall wenig, ob ein Medikament
ein paar Cent billiger war als ein anderes."

Um eine nachhaltige Reduktion der Arzneimittelkosten zu erzielen,
sind aus Sicht des Ärztekammerpräsidenten andere Ansätze, nämlich
echte Reformen gefragt. Nach wie vor ungelöst ist beispielsweise das
Problem der unterschiedlichen Verschreibemodalitäten im
Spitalsbereich und bei den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten.
"Während im niedergelassenen Bereich längst strenge
Verschreiberichtlinien existieren, die auch dafür sorgen, dass
Österreich im Vergleich zum OECD-Schnitt sehr gut liegt, gelten in
den Krankenhäusern keinerlei Richtlinien was die wirtschaftliche
Anwendung von Medikamenten betrifft", so Präsident Dr. Reisner.

Ärztekammer fordert Verbot von Gratis- und Billiglieferungen an
Spitäler

So werden für ein und den selben Patienten in den Krankenhäusern
mit Selbstverständlichkeit Medikamente verschrieben, die vom
niedergelassenen Arzt nicht weiterverordnet werden dürfen oder
aufwendigen Restriktionen wie der Chefarztbewilligung unterliegen.
Den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten bleibt jedoch oft nichts
anderes übrig, als den Patientinnen und Patienten das gewohnte
Medikament, auf welches sie eingestellt sind, als Folgemedikation zu
verschreiben.

"Der Grund ist klar: Die Pharmaindustrie macht sich genau diesen
Umstand zu Nutze und verschenkt Medikamente in großem Umfang an die
Krankenhäuser", so Präsident Dr. Reisner. "Sollen wir Ärztinnen und
Ärzte wirklich für diese Versäumnisse der Politik finanziell
verantwortlich gemacht werden? Solche Praktiken müssen aus meiner
Sicht unverzüglich unterbunden werden", so der Ärztekammerpräsident.
Auch im benachbarten Deutschland befasst man sich schon damit, diese
Praxis einzustellen, die man dort treffend "Anfüttern" nennt.

Politik muss endlich Farbe bekennen

Ärztinnen und Ärzte sind gesetzlich verpflichtet, Medizin "state
of the art" zu betreiben. Zur Medizin gehört auch die Medikation. Die
Sozialversicherung ist ihren Pflichtmitgliedern gegenüber zur
Bereitstellung medizinischer Leistungen verpflichtet. "Wir Ärztinnen
und Ärzte verschreiben Medikamente, weil uns die gesetzliche
Situation dazu verpflichtet, Medikamente als Teil der Therapie im
Sinne der Patientinnen und Patienten einzusetzen. Wir sind daher
nicht die Kostentreiber, wie uns oft unterstellt wird. Daher dürfen
uns die explodierenden Medikamentenkosten nicht angelastet werden.
Eine "Bestrafung" der Ärztinnen und Ärzte in Bezug auf ihr
Verschreibungsverhalten ist rechtlich und moralisch nicht zu
verantworten und daher abzulehnen", so Präsident Dr. Reisner weiter.

Aus seiner Sicht hätten die politisch verantwortlichen genügend
Möglichkeiten, Medikamentenkosten echt und nachhaltig zu reduzieren.
"Dafür müsste man aber Farbe bekennen und echte Reformen einleiten.
Sich auf dem Rücken der Ärztinnen und Ärzte mit Alibiaktionen zu
befassen, scheint hingegen ein bequemer und vor allem politisch
gangbarer Weg zu sein", so Präsident Dr. Reisner abschließend.

Rückfragehinweis:
Ärztekammer Niederösterreich
Pressestelle, Michael Dihlmann
Tel. 0664/144 98 94
[email protected], www.arztnoe.at

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