Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Wende ohne Ursache?"

Ausgabe vom 2. Oktober 2009

Wien (OTS) - Es waren bewegende Monate, als vor 20 Jahren ein Volk nach dem anderen seine Diktatoren hinwegfegte. Sobald klar war, dass die sowjetische Armee im Gegensatz zu früher in den sozialistischen Bruderländern nicht mehr eingreifen würde, konnten sich die dortigen Machthaber nur noch wenige Wochen halten. Und es geschah, was 40 Jahre lang kaum jemand zu hoffen gewagt hatte: Der bisher letzte Totalitarismus ging weitestgehend auf friedlichem Weg unter. Die befürchtete militärische oder gar atomare Konfrontation blieb aus. Die Sieger zeigten sich mehr als tolerant, nur ganz wenige der Folterknechte landeten im Gefängnis. Wie oft wird die strenge Vergangenheitsbewältigung wohl erst dann einsetzen, wenn die Täter unbedeutende Pensionisten geworden sind.

Bis heute verdrängen jedoch viele "Intellektuelle" die erschütternden Einzel- und Massenschicksale. Und die wichtigste Frage wird überhaupt nur ganz selten gestellt: Warum kam es zur Wende?

Westliche Diplomatie oder das bewegende Märtyrertum östlicher Dissidenten waren zweifellos nur Randfaktoren. Auch die Hochrüstung durch Ronald Reagan war nicht am wichtigsten. Es war aber auch nicht so, dass Michail Gorbatschow in Moskau eines Morgens aufwachte und beschloss, ein guter Mensch zu werden.

Wirklich entscheidend waren vielmehr die ökonomischen Verhältnisse. Das kommunistische Groß-Experiment hat nämlich all die netten Theorien und sozialistischen Modelle ad absurdum geführt. Sie funktionieren einfach nicht. Wer glaubt, ohne Markt, ohne Leistungsprinzip, ohne Wettbewerb, ohne saubere Justiz, ohne wirtschaftliche - und sonstige - Freiheiten seine Bürger füttern, kleiden und in ihren sonstigen (auch durch den Vergleich mit dem westlichen Standard entstandenen) Bedürfnissen befriedigen zu können, ist zum Scheitern verurteilt. Solche Staaten produzieren nur Bürokratismus, Korruption, Umweltverschmutzung, gefälschte Produktionsstatistiken, Angst, Hass, Armut und eine Privilegien-Nomenklatura.

Absurderweise gibt es aber sogar heute noch manche, die diese Lektion ignorieren wollen, die in jeder Marktkrise wieder nach mehr Staat rufen. Obwohl es Marktkrisen immer geben wird und muss. Obwohl die Staaten (=Politiker) erwiesenermaßen imstande sind, langfristig jedes Unternehmen, jede Volkswirtschaft zu ruinieren.

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