Für die, die ohne Stimme sind Festveranstaltung der Theodor Kramer Gesellschaft im Hohen Haus

Wien (PK) - Nationalratspräsidentin Barbara Prammer lud heute Abend aus Anlass des 25jährigen Bestehens der Theodor Kramer Gesellschaft, die sich um Kenntnis und Verbreitung österreichischer Exilliteratur verdient macht, zu einem Festakt ins Hohe Haus.

Prammer erinnerte eingangs daran, dass sie bereits 2008 mit der Gesellschaft eine Veranstaltung ausgerichtet habe, die ob der großen Teilnehmerzahl in den Plenarsaal habe verlegt werden müssen. Dies sei auch diesmal der Fall, da das Interesse an der Thematik erfreulich groß sei. Die heutige Veranstaltung sei gleichsam der Auftakt zu den Feierlichkeiten anlässlich 25 Jahre Kramer Gesellschaft, und ein Symposion, das in den folgenden Tagen stattfinde, werde die Themen, derer sich die Gesellschaft angenommen habe, noch vertiefen.

Kramer habe die Tätigkeit der Gesellschaft durch sein Wirken und seine Persönlichkeit geprägt. Das Exil, das "Fremdsein in einem Land", das "nicht Dazugehören" seien die Themen, mit denen sich die Kramer Gesellschaft auseinandersetze. Es gebe an dieser Stelle eine Verantwortung Österreichs, die im Hier und Jetzt wahrgenommen werden müsse.

Die Republik sei in dieser Frage leider lange säumig gewesen, die Kramer Gesellschaft aber habe einen ganz wichtigen Baustein gelegt, denn sie holte die Künstlerinnen und Künstler gedanklich nach Hause und gab sie Österreich so zurück. Die offizielle Unterstützung setzte leider erst spät ein, und sie sei, so Prammer, immer noch entwicklungsfähig.

Verfolgung, Vertreibung und Flucht stünden auch heute noch auf der Tagesordnung, und umso wichtiger sei es, aus der Geschichte Lehren zu ziehen und die Grundfesten der Demokratie zu verteidigen und auszubauen. Es müsse gelingen, aus der Vergangenheit jene Kraft zu schöpfen, sich der gemeinsamen Verantwortung zu stellen, und so sei an dieser Stelle auch ein Auftrag wahrzunehmen, nämlich die Stimmen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in jenes Gebäude zu holen, welches das Zentrum der Demokratie ist. Dies sei heute erneut der Fall und werde auch in Zukunft so sein, schloss Prammer.

Karl Müller, der Vorsitzende der Gesellschaft, erklärte, es habe fast 40 Jahre gedauert, ehe 1984 erstmals der Versuch unternommen wurde, dem Exil und seinen Leistungen entsprechenden Raum zu geben. Dabei tat sich ein beachtlicher Kosmos von Autorinnen und Autoren auf, und so wurde schnell klar, dass die Literaturgeschichte dieses Landes neu geschrieben werden musste.

Heute sei die Gesellschaft eine der wichtigsten literarischen Vereinigungen des Landes, ihre Arbeit öffne viele Erkenntnisschleusen, Forschung und Lehre erhielten durch sie neue Impulse. Die Dimension des Exils auch weiter in das Bewusstsein des Landes zu rücken, habe sich die Gesellschaft zur Aufgabe gestellt, kündigte Müller eine Fortsetzung des bisherigen Weges an.

Nach einer Grußbotschaft von Elfriede Jelinek erinnerte die stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft Siglinde Bolbecher an die Ursprünge der Kramer Gesellschaft, ehe der Schriftsteller Robert Schindel das Wirken der Kramer Gesellschaft aus der Sicht der Literatur und Universitätsprofessor Hans Höller selbiges aus der Sicht der Wissenschaft beleuchtete. Abgerundet wurde die Veranstaltung mit einer Lesung des Schauspielers Otto Tausig, der Texte von Theodor Kramer, Jura Soyfer und Berthold Viertel vortrug.

Die Gesellschaft

Vor fast genau 25 Jahren, am 6. März 1984, wurde die Theodor Kramer Gesellschaft gegründet, um Leben und Werk Theodor Kramers zu erforschen und zur Verbreitung der Literatur des Exils und des Widerstandes beizutragen. Erster Vorsitzender war der Nachlaßverwalter Kramers, Erwin Chvojka, dem Kuratorium der Gesellschaft gehörten unter anderen Bruno Kreisky, Erich Fried und Hilde Spiel an. Die erste Nummer der Zeitschrift "Mit der Ziehharmonika", heute "Zwischenwelt. Zeitschrift für Kultur des Exils und des Widerstands", die sich inzwischen zu einem international anerkannten wissenschaftlichen Forum der Exilliteratur entwickelt hat, erschien im Mai 1984.

1987 erweiterte sich der Interessensbereich der Gesellschaft in Richtung stärkerer Berücksichtigung der gesamten österreichischen Exilliteratur. Seit 1990 gibt die Theodor Kramer Gesellschaft das Jahrbuch "Zwischenwelt" heraus. Der Verlag entstand 1995 aus der Notwendigkeit, aus Österreich vertriebenen Autorinnen und Autoren eine Möglichkeit zur Publikation ihrer Werke zu bieten. Wichtig ist der Gesellschaft dabei auch der kritische Blick, den Exilierte oder aus dem Exil Zurückgekehrte auf das Land ihrer Herkunft werfen. Die Gesellschaft hat bisher eine Reihe wissenschaftlicher Symposien und viele kulturelle Veranstaltungen abgehalten.

Theodor Kramer (1897-1958)

Theodor Kramer wurde am 1. Januar 1897 als Sohn des jüdischen Dorfarztes in Niederhollabrunn im niederösterreichischen Weinviertel geboren. Er absolvierte die Mittelschule in Wien mit der Matura, wurde im Ersten Weltkrieg schwer verwundet und diente bis Kriegsende als Offizier in der österreichischen Armee. Ein anschließendes Studium der Germanistik und Staatswissenschaften brach er ab und arbeitete in der Folge zunächst als Beamter, Buchhändler und Vertreter für Bücher. Ab 1931 lebte er als freier Schriftsteller. Er schrieb ausschließlich Lyrik, errang große Erfolge und wurde im ganzen Deutschen Sprachraum bekannt.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich wurde Kramer als Jude ein Arbeits- und Berufsverbot auferlegt. 1939 gelang es ihm unter großen Schwierigkeiten nach London zu emigrieren, wo er 1946 die britische Staatsbürgerschaft erhielt. 1940 bis 1941 war er als "feindlicher Ausländer" interniert. Er fand 1943 in Guildford eine Anstellung als College-Bibliothekar, der er bis 1957 verpflichtet blieb. Er war Vorstandsmitglied des Österreichischen Exil-P.E.N.-Clubs und stand in engem Kontakt zu Kollegen wie Elias Canetti, Erich Fried und Hilde Spiel. In den 1950er Jahren vereinsamte er immer mehr und erkrankte. 1957 wurde er auf Intervention von Freunden nach Wien zurückgeholt, wo er eine Ehrenpension erhielt. Er starb am 3. April 1958, unglücklich und wenig beachtet, in Wien und wurde auf dem Zentralfriedhof in einem ehrenhalber gewidmeten Grab beigesetzt.

Kramers Werk geriet in Vergessenheit. Seine liedhafte, jedoch unromantische Lyrik schöpft Kraft und Poesie aus einem sinnlich erfassten Milieu der Außenseiter: der Proletarier, Landstreicher, Handwerker, Knechte und Prostituierten. Kramer schrieb einfühlsame Rollengedichte und eigenwillige Landschaftslyrik, literarische Vorbilder waren dabei neben anderen Georg Trakl und Bertolt Brecht. Der Nachlass Kramers umfasst mehr als 10.000 Werke, von denen viele unveröffentlicht sind.

2005 edierte der Zsolnay-Verlag eine dreibändige Werkausgabe Kramers. Zu seinem Gedenken vergibt die Theodor Kramer Gesellschaft alljährlich den "Theodor Kramer Preis", mit dem unter anderen Stella Rotenberg, Milo Dor und Jakov Lind ausgezeichnet wurden.

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie - etwas zeitverzögert - auf der Website des Parlaments im Fotoalbum:
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