- 14.09.2009, 17:24:56
- /
- OTS0265 OTW0265
Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Seid lieb zu den Kindern"
Ausgabe vom 15. September 2009
Wien (OTS) - Es belastet menschlich und ökonomisch, wenn
alljährlich 23.000 Schüler eine Klasse wiederholen müssen. Es
belastet die Budgets von Schule und Eltern. Es kränkt die Kinder. Und
überdies scheitern nicht wenige auch beim zweiten Versuch.
Da klingt doch der Vorschlag der Unterrichtsministerin gut und
richtig, das Sitzenbleiben abzuschaffen. Er wird auch von der
Grünen-Chefin mit einem emotional an Kindesweglegungen erinnernden
"Kein Kind liegenlassen!" unterstützt.
Dennoch ist der Gedanke menschlich wie ökonomisch schädlich. Er
erinnert stark an Christian Brodas Visionen von der gefängnislosen
Gesellschaft. Heute ist sich die Gesellschaft durchaus einig, dass
Gefängnisse zwar nicht immer zur Besserung der Insassen führen, dass
die Androhung von Strafen aber insgesamt eine wirksame abschreckende
Wirkung hat (sofern nicht die Unterbesetzung der Exekutive oder die
Ideologisierung der Staatsanwälte diese Wirkung konterkarieren).
Gewiss kann man darüber diskutieren, ob bei Scheitern in einem Fach
bloß dieses eine Fach wiederholt werden muss - auch wenn das
organisatorisch ziemlich schwierig wird. Aber wenn Schmied und
Glawischnig jedem Schüler künftig gleichsam automatisch den
Hauptschulabschluss oder das Maturazeugnis in die Hand drücken, dann
entwerten sie zum Schaden aller Kinder diese Dokumente noch mehr, als
das schon viele "pädagogische" Reformen der letzten Jahrzehnte getan
haben. Dann nehmen sie vielen Jugendlichen den oft stärksten Druck,
sich beim Lernen anzustrengen, was bei Teenagern oft unverzichtbar
ist. Dann zwingen sie potentielle Lehrherren, sich selbst noch viel
genauer anzuschauen, was ihre künftigen Lehrlinge können. Dann nimmt
die Notwendigkeit für die Universitäten noch mehr zu, sich ihre
künftigen Studenten vorher genau anzuschauen - oder viele nach dem
ersten Semester wieder hinauszuprüfen.
Was soll an all dem menschlich sein?
Und volkswirtschaftlich billiger ist ein System, dass alle Hürden von
den Schulen auf Unis und Wirtschaft verlagert, schon gar nicht (nur
für Claudia Schmieds Budget könnte es sich rechnen). Gar nicht zu
reden von dem gewaltigen Schaden für den gesamten Wohlstand des
Landes, wenn die Schulen Leistungsdruck durch Kuschelecken ersetzen.
Nur, weil ein paar weltfremde Politikerinnen gar so viel lieb zu den
Kindern sein wollen.
Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:[email protected]
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWR






