Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Seid lieb zu den Kindern"

Ausgabe vom 15. September 2009

Wien (OTS) - Es belastet menschlich und ökonomisch, wenn alljährlich 23.000 Schüler eine Klasse wiederholen müssen. Es belastet die Budgets von Schule und Eltern. Es kränkt die Kinder. Und überdies scheitern nicht wenige auch beim zweiten Versuch.

Da klingt doch der Vorschlag der Unterrichtsministerin gut und richtig, das Sitzenbleiben abzuschaffen. Er wird auch von der Grünen-Chefin mit einem emotional an Kindesweglegungen erinnernden "Kein Kind liegenlassen!" unterstützt.

Dennoch ist der Gedanke menschlich wie ökonomisch schädlich. Er erinnert stark an Christian Brodas Visionen von der gefängnislosen Gesellschaft. Heute ist sich die Gesellschaft durchaus einig, dass Gefängnisse zwar nicht immer zur Besserung der Insassen führen, dass die Androhung von Strafen aber insgesamt eine wirksame abschreckende Wirkung hat (sofern nicht die Unterbesetzung der Exekutive oder die Ideologisierung der Staatsanwälte diese Wirkung konterkarieren). Gewiss kann man darüber diskutieren, ob bei Scheitern in einem Fach bloß dieses eine Fach wiederholt werden muss - auch wenn das organisatorisch ziemlich schwierig wird. Aber wenn Schmied und Glawischnig jedem Schüler künftig gleichsam automatisch den Hauptschulabschluss oder das Maturazeugnis in die Hand drücken, dann entwerten sie zum Schaden aller Kinder diese Dokumente noch mehr, als das schon viele "pädagogische" Reformen der letzten Jahrzehnte getan haben. Dann nehmen sie vielen Jugendlichen den oft stärksten Druck, sich beim Lernen anzustrengen, was bei Teenagern oft unverzichtbar ist. Dann zwingen sie potentielle Lehrherren, sich selbst noch viel genauer anzuschauen, was ihre künftigen Lehrlinge können. Dann nimmt die Notwendigkeit für die Universitäten noch mehr zu, sich ihre künftigen Studenten vorher genau anzuschauen - oder viele nach dem ersten Semester wieder hinauszuprüfen.

Was soll an all dem menschlich sein?

Und volkswirtschaftlich billiger ist ein System, dass alle Hürden von den Schulen auf Unis und Wirtschaft verlagert, schon gar nicht (nur für Claudia Schmieds Budget könnte es sich rechnen). Gar nicht zu reden von dem gewaltigen Schaden für den gesamten Wohlstand des Landes, wenn die Schulen Leistungsdruck durch Kuschelecken ersetzen. Nur, weil ein paar weltfremde Politikerinnen gar so viel lieb zu den Kindern sein wollen.

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