WirtschaftsBlatt-Leitartikel: GM/Opel: Europas Sicht ist eingeschränkt - von Hans-Jörg Bruckberger

Bei aller Liebe: So wichtig ist Opel für GM nun auch wieder nicht

Wien (OTS) - Was wird in Europa nicht darüber gelästert, wie zaghaft und wankelmütig GM in der Causa Opel vorgeht. Diese Woche steht schon wieder ein "entscheidendes" Meeting an, und alle fürchten, dass das "Kasperltheater" weitergeht. Immer noch scheinen alle Optionen offen: ein Verkauf an Magna, RHJ, oder dass GM Opel behält und selbst saniert. Bei aller Kritik darüber, wie hier vorgegangen wird, und allem Verständnis dafür, dass die Zeit für Opel drängt, wollen wir hier doch einmal einiges ins rechte Licht rücken.

Die europäische Sicht weicht von der amerikanischen, manchmal sogar von der Realität, ab. Lange schien es laut deutschen Medien etwa so, als würde die Entscheidung in Deutschland fallen. Dass die vermeintlich finalen Verhandlungen von deutschen Politikern dann keinen Durchbruch brachten, ist kein Wunder. Opel gehört nun einmal nicht dem deutschen Staat, sondern GM bzw. den USA, die ja GM gerettet haben. In der öffentlichen Wahrnehmung zieht sich die Causa aber auch deshalb so unerträglich in die Länge, weil wir schon damals Deadlines im Kopf hatten, die aber gar keine waren.

Nichtsdestotrotz ist auch GM nicht gerade schnell unterwegs. An Unfähigkeit liegt das aber nicht. Die Amerikaner haben im Chapter-11-Verfahren eindrucksvoll demonstriert, dass sie, wenn's drauf ankommt, Gas geben können. Dieses wurde in Rekordzeit abgewickelt.

Also steckt bei Opel wohl auch Taktik dahinter. Erfolgreich. RHJ hat sein Offert kürzlich nachgebessert. Doch auch das ist noch zu kurz gegriffen. In Wahrheit hat Opel für GM nicht solche Priorität wie für uns. In Europa, vor allem Deutschland und Österreich, ist Opel eine der bedeutendsten Automarken. GM aber ist ein Weltkonzern, der ganz andere Probleme hat. Wie fährt man in China fort? Welche Werke muss man schließen? Was sagt die mächtige Gewerkschaft? Ganz wichtig ist eine neue Werbestrategie. Nachdem man sich zuletzt für Fehler entschuldigt hat, muss man dringend in die Offensive gehen und die Produkte selbst bewerben. Gleichzeitig muss der Verwaltungsrat gegen politische Einflussnahme ankämpfen. Kurz: Die GM-Manager haben alle Hände voll zu tun, Opel ist nur eine Baustelle von vielen. Noch dazu wurde der Verwaltungsrat neu besetzt. In einem Meeting im Sommer wurde ein Großteil der Zeit damit verbracht, schlicht die neuen Autos kennenzulernen und zu testen - Opel war da ein Randthema. All das muss man schon auch sehen, bevor man GM verurteilt. Eine rasche Opel-Entscheidung ist freilich dennoch wünschenswert.

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