- 05.08.2009, 17:53:23
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Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Weise in Krems und Korea"
Ausgabe vom 6. August 2009
Wien (OTS) - Stammtische aller Art haben ihr Sommerthema: Ein
jugendlicher Einbrecher wird am Tatort von der Polizei erschossen.
Wer sich für progressiv hält, empört sich über die schießwütige
Polizei. Wer sich zur Recht-und-Ordnung-Fraktion zählt, freut sich
hingegen, dass nun scharf gegen die eskalierende Kriminalität
durchgegriffen wird.
Da ist jetzt eines besonders wichtig: kühlen Kopf bewahren. Deshalb
hat die Staatsanwaltschaft Krems richtigerweise sofort die
Bearbeitung des Falles abgetreten. Es soll nur ja nicht der Eindruck
der Befangenheit entstehen - eine Sensibilität, die etwa manchen
Wiener Staatsanwälten abgeht.
Aber auch sonst ist Weisheit gefragt: Denn es gilt, gleichzeitig
zwei eher widersprüchliche Prinzipien zu verteidigen. Auf der einen
Seite muss der Exekutive mit ihrem Waffenprivileg genau auf die
Finger geschaut werden, damit bei den Polizisten nicht das Gefühl
einer allgemeinen Lizenz zum Killen entsteht. Wer mehr Macht hat,
muss auch strenger kontrolliert werden.
Auf der anderen Seite darf aber bei Polizisten auch nicht der
Eindruck entstehen, dass sie immer im Regen stehen gelassen werden,
dass sich niemand in ihre riskante Rolle zu versetzen versucht, in
der man in völliger Dunkelheit Tätern mit unbekannter Bewaffnung
gegenübersteht. Wenn solche Situationen nur ex post mit der
überheblichen Weisheit des hellen Tageslichts beurteilt werden, dann
wird die Exekutive rasch demotiviert sein. Und ganz zufällig wird
sich niemand mehr beeilen, nächtens zu gefährlichen Tatorten zu
eilen.
*
Apropos Weisheit nicht nur im Reden, sondern auch im Handeln: Das
ist erstmals der neuen amerikanischen Regierung zu attestieren. Denn
sie hat den wahrscheinlich einzig möglichen Weg gegenüber dem
unberechenbaren Diktator in Nordkorea eingeschlagen. Da niemand
bereit ist, Krieg gegen ihn zu führen, ist es jedenfalls schlauer,
sich mit ihm zu arrangieren, ihm auch attraktive Fotos mit
amerikanischen Altpräsidenten zu gewähren.
Die andere Strategie, nämlich Kim Jong-il zu isolieren, hat ja
nichts geholfen. Nichts von dem Leid der Nordkoreaner wurde dadurch
gemildert. Daher fällt auch einer Supermacht kein Stein aus der
Krone, wenn sie es statt dessen einmal damit versucht, dem Ego eines
solchen Diktators ein paar Streicheleinheiten zu gewähren. Vielleicht
wirkt das . . .
http://www.wienerzeitung.at/tagebuch
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