- 05.08.2009, 09:36:31
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Zwei neue Bücher über den Chic alter Fassadenschriftzüge
Wien (OTS) - Sie haben chic, sie haben Patina, auch wenn man das
Wort nur mehr ahnt, weil so mancher Buchstabe fehlt: Die in Martin
Ulrich Kehrers "Stadtalphabet Wien" versammelten Geschäfts- und
Fassadenbeschriftungen erwecken intensives ästhetisches Interesse.
Auch wenn der bekannt elegante "fifty"-Schriftzug des Filmcasinos aus
Margareten fehlt, Kehrers Spaziergänge durch die Geschäftsstrassen
Wiens beweisen, dass der hübsche cineastische Schriftzug keinen
typografischen Denkmalschutz nötig hat. Hernals, Währing, Mariahilf
und Neubau haben noch unzählige ähnlich gewellte Fassaden- und
Geschäftetypografien, auch wenn sie, angebracht in luftiger Höhe,
nicht ins Kino, sondern zum Einkleiden und Essen gehen überreden
wollen. Walter Pammingers lesenswertes Nachwort vermeidet es
tunlichst, dennoch kennzeichnet Kehrers rund 200 alphabetisch
geordnete Photographien der Retro-Chic einer ehemals neonstrahlenden,
heute eher flackernden Kauffröhlichkeit. "Abblätternde"
Detailaufnahmen unterstreichen dies noch einmal. Trotz allergrößter
Vielfalt der unterschiedlichsten Werbeschriften merkt man den
"Likörstuben", "Modewaren" und "Glasereien" die wettererprobten
Jahrzehnte an.
Nicht unähnlich geht es auch bei Thomas Parths Erkundigungen in
Tirol zu: Im Unterschied zu Kehrer geht es da nicht um städtisches
Flair, sondern um Pensionen und Gasthäuser, "Zimmer frei"-Hinweise,
Hirsche, Auerhähne und Alpenglühen im "heiligen Land". Geht es bei
Kehrer um städtische Straßenperspektive, zieht Parth Motivstränge
zusammen: Vom "Schistadl" bis zu gebogenen "Herzlich
Willkommen"-Schriftzügen und bizarr wirkenden Restaurant-Schaukästen,
wo der Speiseplan fehlt. Auf ihren zeitaufwendigen Foto-Erkundigungen
erregten beide Dokumentaristen entsprechendes Aufsehen: Während
Parths Beobachtungen teilweise misstrauisch als "Behörden-Auftritt"
interpretiert wurden, stieß Kehrer in Wien auf stolzes
Kleinunternehmertum, denen die heute oftmals etwas altmodisch
wirkenden Werbeschriftzüge selbst gut gefallen. Nicht um den
Werbewert solcher blinkender, geschwungener, bunter
Fassadenschriftzüge geht es dabei primär, sondern um lokale
Verankerung und Grätzel-Markierungen. Kurt Höretzeder, der sich in
Parths vergnüglichem Fotobuch mit Schrift und Tourismus beschäftigt,
erinnert zu recht an die Hochblüte der Grafik von den 30er bis in die
70er Jahre, die von Alfons Walde, Ernst Nepo oder Viktor Herzner
geprägt waren. Für die Gegenwart konstatiert Höretzeder: "Hauptsache
es klescht".
Beiden Fotografie-Dokus ist jedenfalls gemeinsam, dem besonderen
Reiz der Werbung "Eigenmarke" nachzuspüren. Dass in enger zeitlicher
Abfolge zwei Bücher auf den Markt gekommen sind, die eine ähnliche
Aufmerksamkeit gegenüber dem scheinbar Gewohnten und längst
Übersehenem entgegenbringen, überrascht. Ob irgendwann
geschäftstüchtigen Internetportalen eine ähnliche Aufmerksamkeit
entgegengebracht wird, bleibt abzuwarten.
o Martin Ulrich Kehrer, "Stadtalphabet Wien", Sonderzahl Verlag (www.sonderzahl.at), Wien 2009, Euro 18, 144 Seiten, ISBN 978 3 85449 300 6 o Thomas Parth, "Zimmer frei. Tirol-Tourismus-Typographie." Verlag www.editiones.com Innsbruck 2009, 272 Seiten, Euro 28,60, ISBN 978-3-901976-07-0
rk-Fotoservice: www.wien.gv.at/ma53/rkfoto/
(Schluss) hch
Rückfragehinweis:
PID-Rathauskorrespondenz:
www.wien.at/vtx/vtx-rk-xlink/
Mag. Hans-Christian Heintschel
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