Zwei neue Bücher über den Chic alter Fassadenschriftzüge

Wien (OTS) - Sie haben chic, sie haben Patina, auch wenn man das Wort nur mehr ahnt, weil so mancher Buchstabe fehlt: Die in Martin Ulrich Kehrers "Stadtalphabet Wien" versammelten Geschäfts- und Fassadenbeschriftungen erwecken intensives ästhetisches Interesse. Auch wenn der bekannt elegante "fifty"-Schriftzug des Filmcasinos aus Margareten fehlt, Kehrers Spaziergänge durch die Geschäftsstrassen Wiens beweisen, dass der hübsche cineastische Schriftzug keinen typografischen Denkmalschutz nötig hat. Hernals, Währing, Mariahilf und Neubau haben noch unzählige ähnlich gewellte Fassaden- und Geschäftetypografien, auch wenn sie, angebracht in luftiger Höhe, nicht ins Kino, sondern zum Einkleiden und Essen gehen überreden wollen. Walter Pammingers lesenswertes Nachwort vermeidet es tunlichst, dennoch kennzeichnet Kehrers rund 200 alphabetisch geordnete Photographien der Retro-Chic einer ehemals neonstrahlenden, heute eher flackernden Kauffröhlichkeit. "Abblätternde" Detailaufnahmen unterstreichen dies noch einmal. Trotz allergrößter Vielfalt der unterschiedlichsten Werbeschriften merkt man den "Likörstuben", "Modewaren" und "Glasereien" die wettererprobten Jahrzehnte an.

Nicht unähnlich geht es auch bei Thomas Parths Erkundigungen in Tirol zu: Im Unterschied zu Kehrer geht es da nicht um städtisches Flair, sondern um Pensionen und Gasthäuser, "Zimmer frei"-Hinweise, Hirsche, Auerhähne und Alpenglühen im "heiligen Land". Geht es bei Kehrer um städtische Straßenperspektive, zieht Parth Motivstränge zusammen: Vom "Schistadl" bis zu gebogenen "Herzlich Willkommen"-Schriftzügen und bizarr wirkenden Restaurant-Schaukästen, wo der Speiseplan fehlt. Auf ihren zeitaufwendigen Foto-Erkundigungen erregten beide Dokumentaristen entsprechendes Aufsehen: Während Parths Beobachtungen teilweise misstrauisch als "Behörden-Auftritt" interpretiert wurden, stieß Kehrer in Wien auf stolzes Kleinunternehmertum, denen die heute oftmals etwas altmodisch wirkenden Werbeschriftzüge selbst gut gefallen. Nicht um den Werbewert solcher blinkender, geschwungener, bunter Fassadenschriftzüge geht es dabei primär, sondern um lokale Verankerung und Grätzel-Markierungen. Kurt Höretzeder, der sich in Parths vergnüglichem Fotobuch mit Schrift und Tourismus beschäftigt, erinnert zu recht an die Hochblüte der Grafik von den 30er bis in die 70er Jahre, die von Alfons Walde, Ernst Nepo oder Viktor Herzner geprägt waren. Für die Gegenwart konstatiert Höretzeder: "Hauptsache es klescht".

Beiden Fotografie-Dokus ist jedenfalls gemeinsam, dem besonderen Reiz der Werbung "Eigenmarke" nachzuspüren. Dass in enger zeitlicher Abfolge zwei Bücher auf den Markt gekommen sind, die eine ähnliche Aufmerksamkeit gegenüber dem scheinbar Gewohnten und längst Übersehenem entgegenbringen, überrascht. Ob irgendwann geschäftstüchtigen Internetportalen eine ähnliche Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, bleibt abzuwarten.

o Martin Ulrich Kehrer, "Stadtalphabet Wien", Sonderzahl Verlag (www.sonderzahl.at), Wien 2009, Euro 18, 144 Seiten, ISBN 978 3 85449 300 6 o Thomas Parth, "Zimmer frei. Tirol-Tourismus-Typographie." Verlag www.editiones.com Innsbruck 2009, 272 Seiten, Euro 28,60, ISBN 978-3-901976-07-0

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