- 23.07.2009, 11:22:59
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Industriekonjunktur: Unmittelbar vor Bodenbildung
IV-Konjunkturbarometer: Unterer Wendepunkt im tiefroten Bereich; Koren: "Tief unter Wasser, Rettungsanker noch nicht in Griffweite"
Wien (OTS) - (PdI) Das IV-Konjunkturbarometer, welches als
Mittelwert aus den Beurteilungen der gegenwärtigen Geschäftslage und
der Geschäftslage in sechs Monaten bestimmt wird, bewegt sich von -27
Punkten auf -21 Punkte leicht aufwärts, liegt damit aber weiterhin im
tiefroten Bereich. "Zwar steht eine Stabilisierung der
Industriekonjunktur auf niedrigstem Niveau unmittelbar bevor, doch
bleibt die Lage in der Industrie infolge der massiven Unterauslastung
der Produktionskapazitäten und des damit verbundenen Ertragsdrucks
anhaltend kritisch", stellte der Vize-Generalsekretär der
Industriellenvereinigung (IV), Mag. Peter Koren, heute, Donnerstag,
das Hauptergebnis der IV-Konjunkturerhebung für das 2. Quartal 2009
vor. "Mit anderen Worten: Wir befinden uns tief unter Wasser. Wir
sehen das Licht, doch der Rettungsanker befindet sich noch nicht in
Griffweite."
Angesichts der durch die Krise massiv gestiegenen
Staatsverschuldung forderte Koren mittelfristig ein
parteienübergreifendes Bekenntnis zur Budgetdisziplin. "Es bedarf
einer wirksamen Schuldenbremse, ansonsten droht der fiskalische
Konsolidierungsbedarf den sich abzeichnenden Silberstreif am Horizont
zu überdecken. Vor allem die Bundesländer sind hier gefordert."
Die gegenwärtige Geschäftslage wird von den Respondenten im
Vergleich zum Vorquartal nahezu unverändert negativ eingeschätzt. Der
Saldo verharrt bei -35 Punkten nahe des Tiefststandes von -36 Punkten
aus dem Vorquartal. "Für das Jahr 2009 ist daher mit einer
Schrumpfung der Sachgütererzeugung in prozentual zweistelliger
Größenordnung zu rechnen", so IV-Chefökonom Dr. Christian
Helmenstein.
Im Gegensatz dazu verzeichnet die Erwartungskomponente mit
Sechs-Monats-Horizont eine leichte Aufwärtsbewegung von per Saldo -17
Punkten auf -6 Punkte. Allerdings ist die Verbesserung ausschließlich
darauf zurückzuführen, dass der Anteil der Unternehmen, die eine noch
weitergehende Verschlechterung erwarten, von 33% im Vorquartal auf
nunmehr 22 Prozent abgenommen hat. Gegenüber dem Rekordtief aus dem
Jahresschlussquartal des Vorjahres von 42 Prozent hat sich der Anteil
der Unternehmen mit pessimistischem Ausblick damit fast halbiert.
"Signale für einen konjunkturellen Wiederaufschwung in der Industrie
fehlen jedoch noch - der Anteil der Unternehmen, die einen
verbesserten Geschäftsgang auf Sicht von sechs Monaten erwarten,
liegt zum Vorquartal unverändert bei lediglich 16 Prozent.
Die Ergebnisse im Detail
Die Auftragsbestände weisen derzeit einen Saldo von -28 Punkten
aus - 43 Prozent der Unternehmen bezeichnen den Auftragsbestand als
saisonal außergewöhnlich niedrig, während lediglich 15 Prozent (13
Prozent) der Unternehmen ihrem Auftragsbestand das Prädikat "gut"
verleihen. Vor allem die Bestellungen aus dem Ausland spiegeln die
nach wie vor äußerst angespannte Situation auf den Hauptexportmärkten
der österreichischen Wirtschaft wider. Der Saldo bei den derzeitigen
Auftragsbeständen liegt fast unverändert bei -32 (-33) Punkten.
In diesem Umfeld fallen die Produktionserwartungen in der
Industrie auf Sicht der kommenden drei Monate weiter pessimistisch
aus (-10), auch der Beschäftigtenstand bleibt bei einem Saldo von -24
im negativen Bereich. Nur 8 Prozent der Respondenten rechnen mit
einem Beschäftigungsaufbau in den betreffenden Unternehmen in den
kommenden drei Monaten, hingegen 32 Prozent mit einem Abbau. Immerhin
hat sich der Anteil der Unternehmen, die hoffen, ihren
Beschäftigtenstand zumindest halten zu können, von 46 auf 60 Prozent
erhöht.
"Entscheidend ist hier naturgemäß, dass neben den gesetzlichen
Verbesserungen bei der Kurzarbeit durch das Arbeitsmarktpaket II alle
Akteure die notwendige Flexibilität in der konkreten Umsetzung für
den Erhalt von Arbeitsplätzen zeigen", so Koren. "Dazu kommt, dass
nach wie vor die Möglichkeit für Unternehmen,
Arbeitszeit-Durchrechnungszeiträume über mehr als ein Jahr zu haben,
auf Betriebsebene nicht gegeben ist. Wir fordern die Angleichung an
die Kurzarbeitsregelung, die nun auf zwei Jahre, also 24 Monate,
verlängert wurde. Gerade angesichts der sehr stark schwankenden
Auftragslagen ist mehr Flexibilität in der Arbeitszeitgestaltung eine
Win-Win-Win-Chance für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die
Unternehmen und die öffentliche Hand bzw. die Politik."
Darüber hinaus verwies der IV-Vize-Generalsekretär auf die
Beschäftigungspotenziale des forcierten und raschen
Wasserkraftausbaues. "Die UVP-Novelle bietet eine echte Chance auf
Verfahrensbeschleunigung im Infrastruktur- und Kraftwerksbereich -
und das als Balance zwischen Umweltschutz und berechtigten
konjunkturellen Interessen. Jetzt sind die Landesregierungen als
Bewilligungsbehörden gefordert, diese Chance zu nutzen."
Mit fallenden Verkaufspreisen rechnen weiter 26 Prozent der
Unternehmen, nur 8 Prozent erwarten, eine Erhöhung am Markt
durchsetzen zu können. Bei anhaltend hohem Fixkostendruck in
Verbindung mit sinkenden Kapazitätsauslastungen und schwierigen
Absatzbedingungen verschärft sich die Ertragssituation der
Unternehmen weiter (Saldo -31 nach -27), auch die diesbezüglichen
Erwartungen auf Sicht von sechs Monaten bleiben im negativen Bereich
(Saldo -10 nach -22).
"Schuldenbremse" nach deutschem Vorbild andenken
Die Industriellenvereinigung betonte angesichts der Rezession die
Notwendigkeit der durch die Bundesregierung gesetzten konjunkturellen
Maßnahmen, die "sowohl vom Zeitpunkt als auch vom Volumen her"
begrüßenswert sind. Besonders das Bankenpaket und das
Unternehmensliquiditätsstärkungsgesetz sind "die richtigen Maßnahmen
zum richtigen Zeitpunkt". Betriebswirtschaftlich grundsätzlich
gesunden Unternehmen muss die Chance gegeben werden, die schwierige
wirtschaftliche Situation, "die sie ja nicht verursacht haben", zu
meistern.
Für die "Zeit danach" drängt die Industrie auf die Sanierung des
Budgets durch Strukturreformen und ausgabenseitige Maßnahmen.
"Entscheidend ist, dass das öffentliche Budget wieder die
Handlungsfähigkeit für Zukunftsinvestitionen und etwaig notwendige
Konjunkturpolitik zurück gewinnt", so Koren. Das bedingt einen klar
vorgezeichneten Budgetpfad für Bund und Länder sowie vor allem das
Bekenntnis, keine neuen Schulden zu machen. Hier habe Deutschland
einen "Vorzeige-Schritt" gesetzt.
Deutschland hat im Grundgesetz eine von der
Föderalismuskommission II erarbeitete "Schuldenbremse" verankert, der
Beschluss erfolgte im Juni. Die Reform tritt 2011 in Kraft.
Die Kernpunkte sind:
- In normalen konjunkturellen Zeiten müssen Bund und Länder ohne neue
Schulden auskommen
- Ab 2016 darf die strukturelle Neuverschuldung des Bundes maximal
0,35 Prozent des BIP betragen
- Ab 2020 ist den deutschen Bundesländern keine strukturelle
Neuverschuldung mehr erlaubt (Saarland, Sachsen-Anhalt,
Schleswig-Holstein, Berlin und Bremen bekommen in den Jahren 2011 bis
2019 jährlich Konsolidierungs-Hilfen von zusammen 800 Mio. Euro)
- Ein neu zu gründender Stabilitätsrat fungiert als Frühwarnsystem
- Konjunkturelle Defizite sind erlaubt, im Aufschwung müssen
entsprechende Überschüsse gebildet werden
- Ausnahmeregeln für Notsituationen sind vorgesehen, aber keine
Umgehung der Regeln durch Sondervermögen mit Kreditermächtigung
"Wir halten dieses Vorgehen für durchaus beispielgebend für
Österreich!", betonte Koren. Bemerkenswert sei, dass dieser Vorschlag
aus der Föderalismuskommission selbst (in der die deutschen
Bundesländer vertreten sind) gekommen sei. "Eine ähnliche Regelung im
Verfassungsrang könnte also auch Teil eines großen Sanierungspaketes
für die öffentlichen Haushalte, vor allem auch der Bundesländer,
sein!"
Die IV-Konjunkturumfrage: Zur Befragungsmethode
An der jüngsten Konjunkturumfrage der Industriellenvereinigung
beteiligten sich 451 Unternehmen mit mehr als 280.000 Beschäftigten.
Bei der Konjunkturumfrage der IV kommt folgende Methode zur
Anwendung: den Unternehmen werden drei Antwortmöglichkeiten
vorgelegt: positiv, neutral und negativ. Errechnet werden die
(beschäftigungsgewichteten) Prozentanteile dieser Antwortkategorien,
sodann wird der konjunktursensible "Saldo" aus den Prozentanteilen
positiver und negativer Antworten unter Vernachlässigung der
neutralen gebildet.
Rückfragehinweis:
IV-Newsroom Tel.: (++43-1) 711 35-2306 Fax: (++43-1) 711 35-2313 mailto:[email protected] http://www.iv-net.at/medien
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