• 21.07.2009, 18:05:15
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Firmen brauchen Künstler und Philosophen - von Alexis Johann

Optimisten sind diejenigen, die glauben, dass sich die Einstellung geändert hat

Wien (OTS) - Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie mit Aktien oder
Anleihen pleitegehen, liegt bei eins zu zehn Milliarden. Es wäre
wahrscheinlicher, dass Sie von einem Kometen erschlagen werden.

Wieso ist dann Lehman Brothers kaputt? Weil die grundlegende
Mathematik, mit der wir Risiko an Märkten berechnen, ein Blödsinn
ist. Das statistische Risiko wird in den meisten Banken, und auch von
der staatlichen Aufsicht, zumeist nach dem Prinzip der
Normalverteilung berechnet. Wirklich große Verluste und Gewinne
treten sehr selten auf, Totalverluste beinahe nie.

Der Mathematiker Benoit B. Mandelbrot zeigt seit zehn Jahren auf,
dass die Gaußsche Normalverteilung Horror an Börsen nicht abbilden
kann. Seiner Ansicht nach verlaufen Großereignisse nach einem Muster,
das sich wiederholt und multipliziert. Platt gesagt: Läuft mal etwas
schief, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Fehler neue
Probleme verursacht, relativ groß.

Mandelbrot brachte sein Werk "Fraktale und Finanzen" vor der
aktuellen Wirtschaftskrise auf den Markt. Auch wenn das Buch nicht
ganz so einfach zu konsumieren ist, eines wird deutlich: Der nächste
Crash kommt. Optimisten sind jene, die glauben, dass sich nun die
generelle Einstellung gegenüber Risiken grundlegend geändert hat,
schließlich erleben wir eine Phase, die niemand, der in einer
Entscheidungsposition sitzt, jemals erlebt hat. Es ändert sich aber
wenig. Das muss auch US-Präsident Barack Obama eingestehen, der an
der Wall Street keine Reue für das Risiko ortet, dass die Manager
eingegangen sind. Er meint, dass nur eine starke Kontrolle dazu
führen kann, "wilde Risiken" zu vermeiden.

Statt auf den Staat zu vertrauen, könnte Obama auch natürlichen
Marktkräften zu mehr Populariät verhelfen. Es sind jene Kräfte, die
ihn zum Präsidenten gemacht haben. Der Soziologe Paul Ray nennt diese
Gruppe "Kulturkreative". Diese sehen nicht nur eine Krise, sondern
mehrere. Sie vermissen Nachhaltigkeit, erleben die Ökologie als
gefährdet, orten einen Mangel an Ethik und Spiritualität und fordern
einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel.

In den USA gehören 25 Prozent der Bevölkerung zu dieser Gruppe, in
Europa ein Drittel. "Und diese Gruppe wächst", ist Managementberater
Günther Karner sicher. Firmen haben demnach die Chance, die Gruppe
für ihre Produkte und Dienstleistungen zu begeistern, wenn sie es mit
dem Wechsel ehrlich meinen. Konkret sollen Firmen Ethiker, Ökologen
und Künstler an der künftigen Neuausrichtung beteiligen. Das Einzige,
was sie dann noch brauchen, sind Eigentümer, die selbst zur Gruppe
der Kulturkreativen übergewechselt sind.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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