• 06.07.2009, 16:57:11
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die Chance auf Abrüstung war noch nie so groß - von Herbert Geyer

... egal, ob sich Medwedew und Obama gut verstehen oder nicht

Wien (OTS) - Weltgeschichte wird ja gern auf Geschichterln auf der
persönlichen Ebene heruntergebrochen statt die komplexen politischen
und wirtschaftlichen Hintergründe darzustellen, die hinter jedem
historischen Ereignis stehen.

So ist das Bild eines Reblaus-singenden Außenministers Leopold Figl,
der die Russen unter den Tisch getrunken hat, für den Abschluss des
österreichischen Staatsvertrages von 1955 viel populärer als die
historischen Entwicklungen in der Sowjetunion nach dem Tod Stalins,
die diesen Vertrag erst ermöglicht haben.

Sehr oft liegt diese persönliche Betrachtungsweise völlig falsch: So
konnten (oder wollten) 1914 die Kaiser und Könige von
Österreich-Ungarn, Deutschland, Russland und England den Ausbruch des
Ersten Weltkrieges nicht verhindern, obwohl sie allesamt eng
miteinander verwandt oder verschwägert waren und privat einen
durchaus familiären Umgang miteinander pflegten.

Auch die offensichtlich guten persönlichen Beziehungen zwischen
George W. Bush und Wladimir Putin konnten nicht verhindern, dass sich
zwischen Russland und den USA und der Ägide der beiden fast wieder so
etwas wie ein neuer Kalter Krieg entwickelte.

Es ist daher nur von sekundärem interesse, ob US-Präsident Barack
Obama, der gestern zu seinem ersten Besuch in Russland eingetroffen
ist, sich mit seinem Gegenüber Dimitri Medwedew und dessen grauer
Eminenz Putin persönlich gut versteht oder nicht. Geschehen wird
zwischen den beiden Großmächten das, was die jeweiligen Interessen
zulassen oder nahelegen.

Und diese Interessen sind momentan - bei allen offenen politischen
Fragen aus aller Welt, von der Atomrüstung im Iran und in Nordkorea
bis zum Frieden in Nahost und zur Raketenrüstung in Europa - vor
allem wirtschaftlicher Natur.

Weder die USA noch Russland können sich derzeit erhebliche
Rüstungsausgaben leisten. Noch nie waren daher die Chancen so gut wie
jetzt, dass sich die beiden Großmächte auf großzügige
Abrüstungsschritte einigen können - und vor allem auf den Verzicht
weiterer Aufrüstung, die in beiden Staaten die ohnehin angespannte
Budgetsituation total aus dem Ruder laufen ließe.

Hoffen wir also, dass Obama und Medwedew diese Einigung, die in der
Luft liegt, auch auf den Boden bringen. Und genießen wir dann die
persönlichen Geschichterln zwischen den beiden, mit denen diese
Einigung nachher verbrämt werden wird.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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