WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die Chance auf Abrüstung war noch nie so groß - von Herbert Geyer

... egal, ob sich Medwedew und Obama gut verstehen oder nicht

Wien (OTS) - Weltgeschichte wird ja gern auf Geschichterln auf der persönlichen Ebene heruntergebrochen statt die komplexen politischen und wirtschaftlichen Hintergründe darzustellen, die hinter jedem historischen Ereignis stehen.

So ist das Bild eines Reblaus-singenden Außenministers Leopold Figl, der die Russen unter den Tisch getrunken hat, für den Abschluss des österreichischen Staatsvertrages von 1955 viel populärer als die historischen Entwicklungen in der Sowjetunion nach dem Tod Stalins, die diesen Vertrag erst ermöglicht haben.

Sehr oft liegt diese persönliche Betrachtungsweise völlig falsch: So konnten (oder wollten) 1914 die Kaiser und Könige von Österreich-Ungarn, Deutschland, Russland und England den Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht verhindern, obwohl sie allesamt eng miteinander verwandt oder verschwägert waren und privat einen durchaus familiären Umgang miteinander pflegten.

Auch die offensichtlich guten persönlichen Beziehungen zwischen George W. Bush und Wladimir Putin konnten nicht verhindern, dass sich zwischen Russland und den USA und der Ägide der beiden fast wieder so etwas wie ein neuer Kalter Krieg entwickelte.

Es ist daher nur von sekundärem interesse, ob US-Präsident Barack Obama, der gestern zu seinem ersten Besuch in Russland eingetroffen ist, sich mit seinem Gegenüber Dimitri Medwedew und dessen grauer Eminenz Putin persönlich gut versteht oder nicht. Geschehen wird zwischen den beiden Großmächten das, was die jeweiligen Interessen zulassen oder nahelegen.

Und diese Interessen sind momentan - bei allen offenen politischen Fragen aus aller Welt, von der Atomrüstung im Iran und in Nordkorea bis zum Frieden in Nahost und zur Raketenrüstung in Europa - vor allem wirtschaftlicher Natur.

Weder die USA noch Russland können sich derzeit erhebliche Rüstungsausgaben leisten. Noch nie waren daher die Chancen so gut wie jetzt, dass sich die beiden Großmächte auf großzügige Abrüstungsschritte einigen können - und vor allem auf den Verzicht weiterer Aufrüstung, die in beiden Staaten die ohnehin angespannte Budgetsituation total aus dem Ruder laufen ließe.

Hoffen wir also, dass Obama und Medwedew diese Einigung, die in der Luft liegt, auch auf den Boden bringen. Und genießen wir dann die persönlichen Geschichterln zwischen den beiden, mit denen diese Einigung nachher verbrämt werden wird.

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