• 19.06.2009, 19:56:28
  • /
  • OTS0305 OTW0305

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Europa, Barroso und der Zackenbarsch" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 20.06.2009

Graz (OTS) - Jeder blamiert sich, so gut er kann: Die alles andere
als überraschende Benennung von José Manuel Barroso für eine zweite
Amtszeit an der Spitze der EU-Kommission wird nicht gerade als
Sternstunde in die Geschichte der Europäischen Union eingehen.

Sie ist ein Rückfall in die geheime Kabinettspolitik des 19.
Jahrhunderts, kein Signal des Aufbruchs. Nicht der Wille nach
Erneuerung trieb die Regierungschefs an, sondern pures Machtkalkül:
Barroso wurde gewählt, nicht weil er stark, sondern weil er schwach
ist.

Dabei hätte es an tauglicheren Kandidaten nicht gemangelt: der
deutsche Innenminister Wolfgang Schäuble, der Chef der
Welthandelsorganisation Pascal Lamy oder der frühere belgische
Ministerpräsident Guy Verhofstadt würden das gemeinsame Projekt
Europa gewiss mit größerer Tatkraft gegen alle nationalen Widerstände
vorantreiben.

Aber die Furcht, Macht zu verlieren, war für die EU-Chefs größer als
der Wunsch, Europa gewinnen zu lassen. Das macht den Gipfel zum
Frusterlebnis.

Blamabel ist aber auch der Aufstand der Grünen und der
Sozialdemokraten im Europaparlament. In der Politik muss man wissen,
wann eine Schlacht verloren ist. Vernichtender als die
Sozialdemokraten bei den Europawahlen kann man nicht geschlagen
werden.

Das Lamento, das die Roten jetzt anstimmen, kommt Jahre zu spät. Sie
hätten Zeit genug gehabt, einen Gegenkandidaten aufzubauen. Aber sie
haben versagt. Das ist auch der Grund dafür, warum sie Barroso nicht
verhindern, sondern nur noch verzögern können.

Aber genau darum geht es jetzt: Es geht darum, das Schmerzensgeld für
die erlittene Schmach in die Höhe zu treiben. Am Ende werden beide
Seiten schneller handelseins sein, als es das aufgeregte Gegackere
jetzt vermuten lässt.

Verlierer des Kuhhandels wird Europa sein, weil es nicht den starken
Kommissionschef erhält, den es in der Krise benötigt. Aber vielleicht
muss dass ja so sein. Vielleicht ist die Ära der tatkräftigen
Baumeister, die klare Vorstellungen von Europa hatten, endgültig
vorbei.

Verwunderlich wäre das nicht. Wir leben in einer Zeit der
Vieldeutigkeit, die geprägt ist von der Zertrümmerung alter
Gewissheiten, von Relativismus und dem spielerischen Wechsel der
Überzeugungen.

Wer fügt sich da besser ins Bild als ein Kommissionspräsident, den
sie zuhause in Portugal mit einem Zackenbarsch vergleichen, einem
Fisch, der beliebig seine Farbe wechseln kann?

Jede Zeit hat ihre Politiker. Europa hat Barroso. Zu mehr hat es
nicht gereicht.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
mailto:[email protected]
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel