• 17.06.2009, 19:58:56
  • /
  • OTS0366 OTW0366

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wenn Menschen zwitschern, zittern nicht nur die Mullahs" (Von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 18.06.2009

Graz (OTS) - Die Mullahs im Iran reagieren derzeit, wie alle halb
oder ganz diktatorischen Machthaber im Zeichen einer Krise: Sie
knebeln die Medien. Sie zensurieren oder verbieten Zeitungen und
schalten Radio- und TV-Sender ab.

Doch zum Entsetzen der iranischen Machthaber funktionieren diese
"klassischen" Abwehr-Mechanismen gegen Kritik und Aufruhr nicht mehr
wie gewohnt. Denn mittlerweile gibt es immer mehr Menschen mit Zugang
zu Satelliten-TV, Internet und zu Mobiltelefon.

Das behagt nicht nur dem Regime im Iran nicht. In China etwa konnten
die Machthaber zwar vor kurzem noch - während der Olympischen
Sommerspiele - die chinesische Gegenöffentlichkeit im Internet mit
dem simplen Mittel des Abschaltens weitgehend mundtot machen. Doch
heute funktioniert das in China, aber auch im Iran, nicht mehr so
einfach.

Es sind vor allem soziale Netzwerke wie Twitter, die Zwitscherer
also, oder auch Facebook, denen die Zensur nicht so recht beikommt.
Augenzeugenberichte werden per E-Mail verschickt, Fotos per Handy,
Videos bei YouTube geparkt.

Um jegliche unerwünschte Kommunikation zu verhindern, wären weit
drastischer Maßnahmen notwendig als das Mobilfunknetz abzuschalten
oder Internetseiten zu sperren: Es dürfte keinerlei Zugang geben.
Aber das funktioniert nur noch in sehr abgeschiedenen Landstrichen
ohne Ansatz einer modernen Infrastruktur - oder bei den
Steinzeit-Kommunisten in Nordkorea. Radios können dort nur auf der
Frequenz des Zentralsenders empfangen werden und Internet und
Satelliten-TV gibt es nur für die kleine Clique der Herrschenden.

Kim Jong-Il weiß um die Macht der Medien. Er weiß, dass es das
westdeutsche Fernsehen oder die starken Sender von "Voice of America"
waren, die Menschen hinter dem einstigen Eisernen Vorhang mit
Informationen versorgten. Er weiß, dass er Satelliten-Schüsseln
verbieten muss und keinen Handy-Mast aufstellen darf, will er das
Manipulations-Monopol behalten.

Im Iran hingegen schließt sich der Bogen: Zum Sieg des Ayatollah
Khomeini trug 1979 vor allem jenes Medium stark bei, das damals
modern war: die Tonkassette, über deren Verbreitung seine
revolutionäre Botschaft die Massen erreichte. Nun sind es neue
Medien, die Khomeinis Nachfolgern das Herrschen schwer machen. Und
was sie dabei wohl noch mehr schreckt als die Vielfalt der neuen
Kommunikationsmöglichkeiten ist deren atemberaubende Schnelligkeit.
Die Mauern der Zensur bröckeln - und mit ihnen die Allmacht der
Herrscher.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
mailto:[email protected]
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel