"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wenn Menschen zwitschern, zittern nicht nur die Mullahs" (Von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 18.06.2009

Graz (OTS) - Die Mullahs im Iran reagieren derzeit, wie alle halb oder ganz diktatorischen Machthaber im Zeichen einer Krise: Sie knebeln die Medien. Sie zensurieren oder verbieten Zeitungen und schalten Radio- und TV-Sender ab.

Doch zum Entsetzen der iranischen Machthaber funktionieren diese "klassischen" Abwehr-Mechanismen gegen Kritik und Aufruhr nicht mehr wie gewohnt. Denn mittlerweile gibt es immer mehr Menschen mit Zugang zu Satelliten-TV, Internet und zu Mobiltelefon.

Das behagt nicht nur dem Regime im Iran nicht. In China etwa konnten die Machthaber zwar vor kurzem noch - während der Olympischen Sommerspiele - die chinesische Gegenöffentlichkeit im Internet mit dem simplen Mittel des Abschaltens weitgehend mundtot machen. Doch heute funktioniert das in China, aber auch im Iran, nicht mehr so einfach.

Es sind vor allem soziale Netzwerke wie Twitter, die Zwitscherer also, oder auch Facebook, denen die Zensur nicht so recht beikommt. Augenzeugenberichte werden per E-Mail verschickt, Fotos per Handy, Videos bei YouTube geparkt.

Um jegliche unerwünschte Kommunikation zu verhindern, wären weit drastischer Maßnahmen notwendig als das Mobilfunknetz abzuschalten oder Internetseiten zu sperren: Es dürfte keinerlei Zugang geben. Aber das funktioniert nur noch in sehr abgeschiedenen Landstrichen ohne Ansatz einer modernen Infrastruktur - oder bei den Steinzeit-Kommunisten in Nordkorea. Radios können dort nur auf der Frequenz des Zentralsenders empfangen werden und Internet und Satelliten-TV gibt es nur für die kleine Clique der Herrschenden.

Kim Jong-Il weiß um die Macht der Medien. Er weiß, dass es das westdeutsche Fernsehen oder die starken Sender von "Voice of America" waren, die Menschen hinter dem einstigen Eisernen Vorhang mit Informationen versorgten. Er weiß, dass er Satelliten-Schüsseln verbieten muss und keinen Handy-Mast aufstellen darf, will er das Manipulations-Monopol behalten.

Im Iran hingegen schließt sich der Bogen: Zum Sieg des Ayatollah Khomeini trug 1979 vor allem jenes Medium stark bei, das damals modern war: die Tonkassette, über deren Verbreitung seine revolutionäre Botschaft die Massen erreichte. Nun sind es neue Medien, die Khomeinis Nachfolgern das Herrschen schwer machen. Und was sie dabei wohl noch mehr schreckt als die Vielfalt der neuen Kommunikationsmöglichkeiten ist deren atemberaubende Schnelligkeit. Die Mauern der Zensur bröckeln - und mit ihnen die Allmacht der Herrscher.****

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