- 06.06.2009, 17:25:27
- /
- OTS0060 OTW0060
"Kleine Zeitung" Kommentar: "Gehen Sie hin!" (Von Hubert Patterer)
Ausgabe vom 07.06.2009
Graz (OTS) - Auf der heutigen Titelseite tun wir etwas, was wir
nach alter Schule nicht tun dürften: Wir sagen nicht, was ist. Wir
sagen, was sein sollte. Wir fallen aus der Rolle. Wir rufen die Leser
auf, sich an der Wahl zum europäischen Parlament zu beteiligen und
somit für Europa zu stimmen.
Eine hohe Enthaltsamkeit würde das europäische Parlament massiv
schwächen. Sie würde seine Legitimität in Frage stellen, zu einem
Zeitpunkt, da die Völker-Vertretung durch den Lissabon-Vertrag
gestärkt und aufgewertet werden soll.
Wir wissen, dass wir mit unserem Appell quer zur Stimmungslage
stehen. Sie ist ein Amalgam aus Lustlosigkeit und Ablehnung. Europa
muss in Zeiten nationalistischer Wallungen zusehends als Chiffre für
das Fremde herhalten, obwohl es die Wiege all dessen ist, was uns
ausmacht; obwohl es gerade jetzt, an langen Wochenenden, kaum
Schöneres gibt als ohne fremde Währung und Grenzhemmnisse nach Prag,
Florenz oder Madrid zu reisen und durch Museen, Gassen oder Klöster
zu streifen.
Der Wahlkampf hat dafür keine Empfindungen geweckt, auch nicht das
Bewusstsein für das geschichtliche Wunder, das die Trennung des
Kontinents glückhaft aufhob. Vor zwanzig Jahren erkämpften die Polen
die ersten halbwegs freien Wahlen. Die Diktaturen der Nachbarn
fielen, Dominosteinen gleich. Man reagierte diesseits mit Rührung,
heute erblickt man in den Anrainern Brutstätten des Verbrechertums.
Der Blick ist eng und unsicher geworden, empfänglich für Verführer
und stumpf gegenüber dem Geglückten.
Kein anderes Staatenbündnis zuvor hat 500 Millionen Menschen so lange
Frieden und Freiheit gebracht. Wir haben uns so sehr an das
Herumnörgeln gewöhnt, an das ständige Beklagen der Defizite der
europäischen Union, dass das Große, das Errungene, völlig aus dem
Bewusstsein gerückt ist.
Österreich wäre ohne Europa ein kartographisches, isoliertes Nichts.
Ob Migration, Klima, Energieversorgung oder Terrorismus: Keine der
großen Herausforderungen ließe sich zwischen Neusiedlersee und
Montafon allein bewältigen.
Dass das Land nicht imstande ist, europäische Positionen zu beziehen
und die Bürger mitzunehmen, als österreichisch Fühlende und
europäisch Denkende, ist ein Versagen der Politik. Eine erschreckend
uninspirierte, gestaltungsunwillige Regierungsspitze hat die Räume
geöffnet für die Demagogen. Sie wühlen mit ihren Pranken in den
Wunden einer verunsicherten Gesellschaft. Mit Europa haben sie nichts
am Hut. Sie benötigen es als Feindbild, üben für Wien und freuen
sich, wenn die Wähler daheim bleiben. Dann zählen sie mehr.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
mailto:[email protected]
http://www.kleinezeitung.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ






