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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Europa und der würdelose Abgang des Gordon Brown" (Von Stefan Winkler)
Ausgabe vom 06.06.2009
Graz (OTS) - Politische Größe schützt vor Verblendung nicht. Oft
steht die historische Monumentalität, die ein Politiker durch seine
Taten erlangt, dem eigenen Urteilsvermögen im Weg. Noch zu aktiven
Berufszeiten versteinert er selbst zum Denkmal und übersieht dabei,
dass es längst an der Zeit wäre, zu gehen. Helmut Kohl, der deutsche
Kanzler der Einheit, ist das beste Beispiel dafür.
Hätte er die Zeichen der Zeit richtig erkannt, dann wäre ihm seine
schmachvolle Abwahl im Herbst 1998 erspart geblieben.
Gordon Brown ist kein Denkmal. Und er ist auch kein Großer. Es fragt
sich sogar, ob er ein Staatsmann ist, angesichts der jämmerlichen
Figur, die er gerade macht. Großbritannien versinkt im Spesensumpf.
Und was tut sein Premier? Er bittet, bettelt und flennt um Vergebung
für die Verrottetheit einer Politikerkaste, die sich erdreistete,
sogar das Hundefutter dem Steuerzahler zu verrechnen. Unterdessen
löst sich Browns Regierung auf und die Bürger revoltieren. Aber
anstatt das einzige Richtige zu tun, was sich jetzt noch tun lässt,
nämlich zu demissionieren, bunkert der Mann mit den dicken
Tränensäcken sich ein.
Mit seiner Verstocktheit steht der britische Premier in Europa nicht
alleine da. Die traurige Wahrheit ist: Wir leben in einer Zeit der
schamlosen Sesselkleber, der Betonköpfe und Betonierer, in der das
eigene politische Tun keine Konsequenzen mehr zeitigt.
Wann ist schon ein Politiker zuletzt aus freien Stücken
zurückgetreten? Keine Ahnung? Ist nicht weiter schlimm. Den Typus des
Reumütigen gibt es in der Politik nicht. So wie Mammut und
Säbelzahntiger ist er sang und klanglos von der Erdoberfläche
verschwunden. Ja, vielleicht hat es ihn gar nie gegeben. Daran wird
auch das laute Geschrei der scheinheiligen Hüter der Moral nichts
ändern, die ihre politische Legitimation einzig aus dem Umstand
schöpfen, dass sie mit dem Finger auf andere zeigen.
Dass die richtige Gesinnung in der Politik nicht reicht, hat schon
Max Weber aufgezeigt. Wichtig wäre ein neues Berufsethos, das das
mühsame Bohren harter Bretter über die wohlfeile Empörung stellt und
es für Europas Politiker zur Ehrensache macht, für ihr eigenes
Handeln einzustehen, wenn der Bohrer einmal abrutscht.
Aber seien wir realistisch: Das Sehnsuchtsbild einer sich ständig
selbst erneuernden Politik ist eine nette Utopie. Deshalb wird sich
die Kluft zu den Bürgern weiter vertiefen. Browns Heulen und
Zähneklappern, seine trotzige Realitätsverweigerung sind nur ein
Vorgeschmack auf die würdelosen Abgänge, die uns in Europa noch
erwarten.****
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