• 04.06.2009, 19:58:48
  • /
  • OTS0324 OTW0324

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Obama hat die Tür geöffnet, nun muss er noch hindurchgehen" (von Ingo Hasewend)

Ausgabe vom 5.6.2009

Graz (OTS) - Den Superlativ im Zusammenhang mit Barack Obama zu
verwenden, hat sich schon ein wenig abgenutzt. Doch die Rede, die der
US-Präsident in Kairo an die muslimische Welt gerichtet hat, verdient
das Prädikat wertvoll. Einfühlsam, geistreich, visionär und trotzdem
mutig hat er den Muslimen beide Hände gereicht. In dieser Art hat
sich noch kein westlicher Staatsführer an die arabische Welt gewandt.
Obama hat der Ära Bush mit dem größtmöglichen Umkehrschub den Rücken
gekehrt und die islamische Welt förmlich umarmt.

Das ist jedenfalls die westliche Interpretation. Ob auch die
Angesprochenen ähnlich urteilen, werden die geistigen Führer des
Islam in den kommenden Tagen und Wochen beantworten. Doch schon die
ersten Reaktionen zeigen, dass seine geschliffenen Worte die Tür
öffnen können, die Georg W. Bush mit aller Gewalt zugeschlagen hat.
Die Worte "Wir lieben dich" aus dem Publikum in Kairo wären bei
seinem Vorgänger - wie auch bei vielen anderen westlichen Politikern-
undenkbar.

Doch Jubelstürme gibt es nicht überall auf der Welt. Nicht weit
entfernt, in Ägyptens Nachbarland Israel, ist man mit bleichen
Gesichtern vor den Fernsehern gesessen. Klare Formulierung zum
Nahost-Konflikt, deutliche Erwartungen an alle Beteiligten in dieser
Krisenregion, unterstreichen den Verhandlungswillen der neuen US-
Regierung. Doch der Schock in Jerusalem dürfte heilsam sein, denn nur
so kann Amerika wieder als glaubwürdiger Vermittler auftreten.

Bei aller Offenheit, Radikalität und Deutlichkeit bleibt die Wirkung
dieser Rede nur dann nachhaltig, wenn ihr bald Taten folgen. Das
haben die Experten schon vor dem Auftritt angemahnt. Allein an den
Taten werden ihn die Machthaber in der arabischen Welt messen.

Aber auch das ist noch keine Garantie für einen realen Neuanfang.
Denn die arabische Welt wird sich nicht einig werden. Gemäßigte
Kräfte werden die ausgestreckte Hand wohl ergreifen. Extremisten und
eine nicht unbeträchtliche Zahl von radikalen Kräften werden sich
weiterhin für einen anderen Weg entscheiden. Es wird Dissens geben,
das hat Obama angesprochen. Die USA werden weiterhin drohen müssen,
wollen sie sich nicht erpressen lassen. Letzteres mit dem nötigen
Respekt für den Islam zu tun, wird wohl die schwierigste Mission des
Präsidenten werden.

Seine Rede wird in die Geschichtsbücher eingehen. Ihr historisches
Gewicht zu geben, wird für Obama aber mehr investieren müssen als
Rhetorik.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
mailto:[email protected]
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel