"Kleine Zeitung" Kommentar: "Obama hat die Tür geöffnet, nun muss er noch hindurchgehen" (von Ingo Hasewend)

Ausgabe vom 5.6.2009

Graz (OTS) - Den Superlativ im Zusammenhang mit Barack Obama zu verwenden, hat sich schon ein wenig abgenutzt. Doch die Rede, die der US-Präsident in Kairo an die muslimische Welt gerichtet hat, verdient das Prädikat wertvoll. Einfühlsam, geistreich, visionär und trotzdem mutig hat er den Muslimen beide Hände gereicht. In dieser Art hat sich noch kein westlicher Staatsführer an die arabische Welt gewandt. Obama hat der Ära Bush mit dem größtmöglichen Umkehrschub den Rücken gekehrt und die islamische Welt förmlich umarmt.

Das ist jedenfalls die westliche Interpretation. Ob auch die Angesprochenen ähnlich urteilen, werden die geistigen Führer des Islam in den kommenden Tagen und Wochen beantworten. Doch schon die ersten Reaktionen zeigen, dass seine geschliffenen Worte die Tür öffnen können, die Georg W. Bush mit aller Gewalt zugeschlagen hat. Die Worte "Wir lieben dich" aus dem Publikum in Kairo wären bei seinem Vorgänger - wie auch bei vielen anderen westlichen Politikern-undenkbar.

Doch Jubelstürme gibt es nicht überall auf der Welt. Nicht weit entfernt, in Ägyptens Nachbarland Israel, ist man mit bleichen Gesichtern vor den Fernsehern gesessen. Klare Formulierung zum Nahost-Konflikt, deutliche Erwartungen an alle Beteiligten in dieser Krisenregion, unterstreichen den Verhandlungswillen der neuen US-Regierung. Doch der Schock in Jerusalem dürfte heilsam sein, denn nur so kann Amerika wieder als glaubwürdiger Vermittler auftreten.

Bei aller Offenheit, Radikalität und Deutlichkeit bleibt die Wirkung dieser Rede nur dann nachhaltig, wenn ihr bald Taten folgen. Das haben die Experten schon vor dem Auftritt angemahnt. Allein an den Taten werden ihn die Machthaber in der arabischen Welt messen.

Aber auch das ist noch keine Garantie für einen realen Neuanfang. Denn die arabische Welt wird sich nicht einig werden. Gemäßigte Kräfte werden die ausgestreckte Hand wohl ergreifen. Extremisten und eine nicht unbeträchtliche Zahl von radikalen Kräften werden sich weiterhin für einen anderen Weg entscheiden. Es wird Dissens geben, das hat Obama angesprochen. Die USA werden weiterhin drohen müssen, wollen sie sich nicht erpressen lassen. Letzteres mit dem nötigen Respekt für den Islam zu tun, wird wohl die schwierigste Mission des Präsidenten werden.

Seine Rede wird in die Geschichtsbücher eingehen. Ihr historisches Gewicht zu geben, wird für Obama aber mehr investieren müssen als Rhetorik.****

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