Vor 20 Jahren fiel der Eiserne Vorhang Prammer: Den Glücksfall 1989 für die Menschen wahrnehmbar machen

Wien (PK) - Vor 20 Jahren fiel der Eiserne Vorhang und mit diesem "Triumph des Unerwarteten" wurde der Weg frei zu einem neuen Europa. Immer noch gilt es aber, Hintergründe der "sanften", "samtenen" und "singenden" Revolutionen und deren Folgen zu erhellen. Dieser Aufgabe widmet sich eine Veranstaltungsserie des Bundesministeriums für europäische und internationale Angelegenheiten mit dem Titel "Geteilt/Geeint. 1989-200): Aufbruch in ein neues Europa" (http://www.1989-2009.at/). Im Rahmen dieser Reihe ging es heute Nachmittag im Palais Epstein um die Rolle der österreichischen Medien in Mittelosteuropa. Nationalratspräsidentin Barbara Prammer begrüßte die Teilnehmer und Gäste zu einer Podiumsdiskussion, in der Jana Patsch (Kurier), Erhard Stackl (Der Standard) und Burkhard Bischof (Die Presse) unter der Moderation von Claus Reitan (Die Furche) schilderten, wie Journalisten die Zeit vor 1989 erlebten, was sich seither veränderte und welche Funktion die Medien im Prozess der europäischen Integration spielen (sollten).

In ihren Begrüßungsworten rief Präsidentin Prammer zunächst die Bilder in Erinnerung, die 1989 um die Welt gingen und Begeisterung auslösten: Politiker aus Ost und West, die Stacheldrahtzäune durchtrennten, Menschen, die auf der Berliner Mauer tanzten und das verhasste Symbol der Trennung mit Hämmern zerstörten oder in ihren "Trabis" über die nun offenen Grenzen kamen. "Konnten nach der Überwindung der politischen Grenzen auch die Grenzen in den Köpfen beseitigt werden?" fragte Prammer und zeigte sich besorgt, wenn heute wieder darüber diskutiert werde, die Grenzen dicht zu machen, oder Schengen in Frage gestellt werde. Es gelte zu begreifen, welchen Glücksfall die Ereignisse des Jahres 1989 bedeuten. "Wir sollten darauf hinarbeiten, dass auch die Bevölkerung diesen Glücksfall stärker wahrnimmt", sagte die Präsidentin und sah darin auch eine Herausforderung für die Medien.

Emil Brix (Außenministerium) stellte fest, die Chancen, die der Fall des Eisernen Vorhangs mit sich brachte, seien in einzelnen Bereichen genützt worden, auf vielen Gebieten aber nicht. Wenn die Kritik nun laute, Österreich habe sich nach der Grenzöffnung als ein schlechter Nachbar herausgestellt, gab der Diplomat zu bedenken, auch im Verhältnis zu Italien und Deutschland habe es jahrzehntelang gebraucht, bis eine vertrauensvolle Nachbarschaft aufgebaut werden konnte. Brix registrierte Kommunikationsprobleme mit den Nachbarn und vermutete, dies habe auch mit dem Bauplan der EU zu tun. Es genüge nicht, neue Mitglieder aneinander zu reihen, im Prozess der Integration fehlten Emotionen, die die Menschen verbinden. Es mangle auch an einer europäischen Öffentlichkeit und an europäischen Medien, klagte Brix und appellierte insbesondere an die öffentlich-rechtlichen Medien, die Überwindung der Grenzen in den Köpfen als eine besondere Aufgabe wahrzunehmen. In diesem Zusammenhang erinnerte Brix an mediale Sternstunden des ORF vor 1989 und schloss mit dem Satz: "Im Osten ist für die Medien noch viel zu entdecken."

Jana Patsch (Kurier) erinnerte zunächst an die enorme Rolle, die die westlichen Medien für die Menschen im Osten vor 1989 hatten. Man schätzte in der CSSR Wochenendhäuser, in denen man den ORF oder Radio Freies Europa empfangen konnte, las geschmuggelte Zeitungen und vervielfältigte westliche Literatur im Samisdat. Offiziell habe die CSSR zuletzt als ein mediales "schwarzes Loch" gegolten, in dem seit Gorbatschow nicht einmal mehr die "Prawda" zu bekommen war. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs seien die Grenzen in den Köpfen nicht verschwunden, weil sich die Menschen durch eine Reihe von Ereignissen irritiert fühlten: die Nichtöffnung des Arbeitsmarktes im Westen, schikanöse Passkontrollen, die Anti-AKW-Politik und Grenzblockaden wegen Temelin und schließlich das Gefühl, in der EU nicht willkommen zu sein.

Erhard Stackl (Der Standard) beurteilte die OSZE-Nachfolgekonferenz im Jahr 1989 in Wien als ein wichtiges Ereignis auf dem Weg zum Fall der Mauer und erinnerte daran, dass der OSZE-Prozess wesentliche Auswirkungen auf die Intensivierung des Informationsaustausches und die Arbeit der Journalisten hatte. Dass die Begeisterung über die "samtene Revolution" nicht angehalten habe und eine spürbare Distanz zwischen den Menschen bestehen blieb, gehe auch aus Umfragen hervor, die belegen, dass fast ein Viertel der Österreicher keinen Vorteil durch den Fall des Eisernen Vorhangs erkennen können, dass viele junge Menschen gar nicht wissen, was vor zwanzig Jahren geschah, und insgesamt wenig Interesse an den Entwicklungen im Osten herrsche. Es gelte, neue Wege in der medialen Vermittlung zu gehen, sagte Stackl und riet zu interkulturellen Programmen, in denen das Leben der Menschen besser abgebildet werde.

Burkhard Bischof (Die Presse) bedauerte, dass sich die Diskussion auf Tschechien, die Slowakei und Polen konzentriere, wichtige Länder wie Ungarn aber unberücksichtigt blieben. Bischof schilderte den Spätherbst der kommunistischen Regime in der Tschechoslowakei und Polen und machte deutlich, wie sehr das spezielle Klima, die Geheimnistuerei und der "Funktionärssprech" in Warschau und Prag eine spekulative Berichterstattung in den westlichen Medien nach sich zog. Man habe sich in der Berichterstattung zu sehr auf die Hauptstädte konzentriert, den kleinen Mann auf der Straße zu wenig beachtet und sich insgesamt von der Scheinstabilität des tschechoslowakischen Regimes täuschen lassen. So sei der Westen und seine Medien von der Implosion der Regime völlig überrascht worden. Die Wirtschaft habe ihre Chancen im Osten erkannt, die Politik laufe aber hinterher. Die österreichische Außenpolitik habe sich zunächst völlig auf den eigenen EU-Beitritt konzentriert und keine einzige Partei habe eine Strategie für den Osten ausgearbeitet. "Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sind wir auf die Menschen nicht zugegangen", sagte der Journalist selbstkritisch und meinte, es gehe nun darum, Interesse an den spannenden Entwicklungen im Osten zu wecken und viele Vorurteile abzubauen.

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie - etwas zeitverzögert - auf der Website des Parlaments im Fotoalbum:
www.parlament.gv.at

Rückfragen & Kontakt:

Eine Aussendung der Parlamentskorrespondenz
Tel. +43 1 40110/2272, Fax. +43 1 40110/2640
e-Mail: pk@parlament.gv.at, Internet: http://www.parlament.gv.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NPA0002