- 03.06.2009, 08:04:37
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Publizist Kurt Dieman-Dichtl verstorben
Er war eine originelle, freilich unbequeme und widersprüchliche Gestalt - Sein einziges Kontinuum war die entschiedene Ablehnung des Nationalsozialismus
Wien, 03.06.2009 (KAP) Der Wiener katholische Publizist Prof. Kurt
Dieman-Dichtl ist im Alter von 86 Jahren verstorben. Das Begräbnis
findet am Donnerstag auf dem Hetzendorfer Friedhof statt. Im Stift
Herzogenburg feiert Propst Maximilian Fürnsinn am Mittwoch, 10.
Juni, um 17 Uhr, die Gedenkmesse für den Verstorbenen.
Dieman war eine originelle, freilich unbequeme und widersprüchliche
Gestalt. Seine Sache waren kontroverse, provokante, bisweilen ans
Polemische grenzende Äußerungen. Er war mit Ruth von Mayenburg -
Aristokratin, Kommunistin und Witwe des führenden österreichischen
KP-Funktionärs Ernst Fischer -verheiratet; sie war eine der
Bewohnerinnen des legendären Hotels "Lux" in Moskau gewesen, wo in
den dreißiger und vierziger Jahren die kommunistischen Emigranten
untergebracht wurden. In einem bestimmten Abschnitt seines Lebens
war Dieman mit kirchlichen "Konservativen" wie dem einstigen St.
Pöltner Diözesanbischof Kurt Krenn verbunden; trotzdem war für
Dieman etwa der übliche kirchliche Zugang zum Tod schwer
nachvollziehbar.
In einem Punkt war Dieman immer konsequent: In der entschiedenen
Ablehnung des Nationalsozialismus und seiner rassistischen
Fantasien. Als er erkennen musste, dass politische und kirchliche
"Rechte", mit denen er sich ab den späten achtziger Jahren
eingelassen hatte, hier anders dachten, zog er die Konsequenzen.
Von Jugend an war Dieman auf "Gegenkurs" gewesen: Zunächst
Monarchist, sah er nach 1945 im Kommunismus eine Alternative. Auf
dem Höhepunkt des Kalten Krieges - beim kommunistischen
Weltjugendfestival in Wien 1959 - betreute er den damaligen
tschechoslowakischen Gesundheitsminister, den suspendierten
katholischen Priester Josef Plojhar, sekretariell. Später wurde er
ein Mitstreiter Bruno Kreiskys in Medienfragen. Dann schloss er sich
dem damaligen "Styria"-Generaldirektor Hanns Sassmann an, um
schließlich für Kurt Waldheim auf die Barrikaden zu steigen.
Ein Herzensanliegen war Dieman stets die Verteidigung von Kardinal
Theodor Innitzer. Auch aus persönlicher Kenntnis wusste er, dass
viele Vorwürfe gegen den Wiener Erzbischof der düsteren Jahre
1932-1955 völlig unberechtigt waren.
Kurt Dieman-Dichtl wurde 1923 in Wien geboren. Nach Absolvierung
einer Gesangsausbildung hatte er zahlreiche Engagements als Opern-,
Operetten- und Wienerliedsänger und entwickelte sich nach und nach
zum Regisseur und Produzenten für Radio, Fernsehen und Film. Er
veröffentlichte rund 30 Bücher. Vor allem seine Beschreibung des
Lebens berühmter Künstlerpersönlichkeiten machte ihn bekannt.
Sein großes Interesse am kulturellen und politischen Geschehen und
seine Begegnungen mit vielen historischen Persönlichkeiten, vor
allem auch aus der Kirche, machten Dieman-Dichtl zu einem wichtigen
Zeitzeugen mit umfassendem Wissen. Zuletzt gestaltete er unter dem
Titel "1938 - Kirche im Kulturkampf" im Vorjahr im Prälatensaal des
Stiftes Herzogenburg eine Gedenkausstellung über die Chronologie
eines der schwierigsten Jahre in der jüngeren österreichischen
Kirchengeschichte. Von der Erklärung der österreichischen Bischöfe
vom 18. März 1938, in der sie "Ja" zum "Anschluss" sagten, über den
unmittelbar danach einsetzenden nationalsozialistischen Kirchenkampf
und die Ereignisse und Folgen der Rosenkranzfeier im Wiener
Stephansdom am 7. Oktober 1938 zeichnete seine Ausstellung mit
Schautafeln, Bildern und filmischen Dokumenten die Geschichte nach.
In Anerkennung seiner Verdienste um das Bundesland Niederösterreich
wurde Dieman-Dichtl im Vorjahr mit der Ehrenplakette des Landes
ausgezeichnet. Die Auszeichnung wurde im Stift Herzogenburg
überreicht. "Zum einen ist Prof. Dieman eine vielschichtige
künstlerische Persönlichkeit: Opern- und Operettensänger, Regisseur
und Produzent sowie Autor und Lyriker", so der niederösterreichische
Landeshauptmann Erwin Pröll damals: "Aber er ist auch geprägt von
der Geschichte unserer Republik, auf 'Du und Du' mit
Persönlichkeiten und 'mitten drin' in Ereignissen, die den Weg
unseres Landes bestimmt haben". Das Verdienst Dieman-Dichtls bestehe
vor allem darin, in einer Zeit, in der Geschichte oft "anonym,
unpersönlich und stumm" erscheine, der Historie "ein Gesicht, eine
Gestalt und eine Sprache gegeben zu haben".
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