Publizist Kurt Dieman-Dichtl verstorben

Er war eine originelle, freilich unbequeme und widersprüchliche Gestalt - Sein einziges Kontinuum war die entschiedene Ablehnung des Nationalsozialismus

Wien, 03.06.2009 (KAP) Der Wiener katholische Publizist Prof. Kurt Dieman-Dichtl ist im Alter von 86 Jahren verstorben. Das Begräbnis findet am Donnerstag auf dem Hetzendorfer Friedhof statt. Im Stift Herzogenburg feiert Propst Maximilian Fürnsinn am Mittwoch, 10. Juni, um 17 Uhr, die Gedenkmesse für den Verstorbenen.

Dieman war eine originelle, freilich unbequeme und widersprüchliche Gestalt. Seine Sache waren kontroverse, provokante, bisweilen ans Polemische grenzende Äußerungen. Er war mit Ruth von Mayenburg -Aristokratin, Kommunistin und Witwe des führenden österreichischen KP-Funktionärs Ernst Fischer -verheiratet; sie war eine der Bewohnerinnen des legendären Hotels "Lux" in Moskau gewesen, wo in den dreißiger und vierziger Jahren die kommunistischen Emigranten untergebracht wurden. In einem bestimmten Abschnitt seines Lebens war Dieman mit kirchlichen "Konservativen" wie dem einstigen St. Pöltner Diözesanbischof Kurt Krenn verbunden; trotzdem war für Dieman etwa der übliche kirchliche Zugang zum Tod schwer nachvollziehbar.

In einem Punkt war Dieman immer konsequent: In der entschiedenen Ablehnung des Nationalsozialismus und seiner rassistischen Fantasien. Als er erkennen musste, dass politische und kirchliche "Rechte", mit denen er sich ab den späten achtziger Jahren eingelassen hatte, hier anders dachten, zog er die Konsequenzen.

Von Jugend an war Dieman auf "Gegenkurs" gewesen: Zunächst Monarchist, sah er nach 1945 im Kommunismus eine Alternative. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges - beim kommunistischen Weltjugendfestival in Wien 1959 - betreute er den damaligen tschechoslowakischen Gesundheitsminister, den suspendierten katholischen Priester Josef Plojhar, sekretariell. Später wurde er ein Mitstreiter Bruno Kreiskys in Medienfragen. Dann schloss er sich dem damaligen "Styria"-Generaldirektor Hanns Sassmann an, um schließlich für Kurt Waldheim auf die Barrikaden zu steigen.

Ein Herzensanliegen war Dieman stets die Verteidigung von Kardinal Theodor Innitzer. Auch aus persönlicher Kenntnis wusste er, dass viele Vorwürfe gegen den Wiener Erzbischof der düsteren Jahre 1932-1955 völlig unberechtigt waren.

Kurt Dieman-Dichtl wurde 1923 in Wien geboren. Nach Absolvierung einer Gesangsausbildung hatte er zahlreiche Engagements als Opern-, Operetten- und Wienerliedsänger und entwickelte sich nach und nach zum Regisseur und Produzenten für Radio, Fernsehen und Film. Er veröffentlichte rund 30 Bücher. Vor allem seine Beschreibung des Lebens berühmter Künstlerpersönlichkeiten machte ihn bekannt.

Sein großes Interesse am kulturellen und politischen Geschehen und seine Begegnungen mit vielen historischen Persönlichkeiten, vor allem auch aus der Kirche, machten Dieman-Dichtl zu einem wichtigen Zeitzeugen mit umfassendem Wissen. Zuletzt gestaltete er unter dem Titel "1938 - Kirche im Kulturkampf" im Vorjahr im Prälatensaal des Stiftes Herzogenburg eine Gedenkausstellung über die Chronologie eines der schwierigsten Jahre in der jüngeren österreichischen Kirchengeschichte. Von der Erklärung der österreichischen Bischöfe vom 18. März 1938, in der sie "Ja" zum "Anschluss" sagten, über den unmittelbar danach einsetzenden nationalsozialistischen Kirchenkampf und die Ereignisse und Folgen der Rosenkranzfeier im Wiener Stephansdom am 7. Oktober 1938 zeichnete seine Ausstellung mit Schautafeln, Bildern und filmischen Dokumenten die Geschichte nach.

In Anerkennung seiner Verdienste um das Bundesland Niederösterreich wurde Dieman-Dichtl im Vorjahr mit der Ehrenplakette des Landes ausgezeichnet. Die Auszeichnung wurde im Stift Herzogenburg überreicht. "Zum einen ist Prof. Dieman eine vielschichtige künstlerische Persönlichkeit: Opern- und Operettensänger, Regisseur und Produzent sowie Autor und Lyriker", so der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll damals: "Aber er ist auch geprägt von der Geschichte unserer Republik, auf 'Du und Du' mit Persönlichkeiten und 'mitten drin' in Ereignissen, die den Weg unseres Landes bestimmt haben". Das Verdienst Dieman-Dichtls bestehe vor allem darin, in einer Zeit, in der Geschichte oft "anonym, unpersönlich und stumm" erscheine, der Historie "ein Gesicht, eine Gestalt und eine Sprache gegeben zu haben".

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