"Kleine Zeitung" Kommentar: "Kim nutzt seine Atomwaffen als Lebensversicherung" (von Bernhard Bartsch)

Ausgabe vom 26.05.2009

Graz (OTS) - Stanley Kubrick erteilte der Welt 1964, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, eine Lektion in Galgenhumor. Sein Film "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" wurde über Nacht zum Referenzwerk über den Wahnsinn des atomaren Kräftemessens, wobei vielen Kinobesuchern bewusst war, dass die Satire mehr über die Wirklichkeit verriet als alle Zeitungsberichte. So grotesk die Geschichte und ihre Figuren - allen voran der altfaschistische Nuklearexperte Dr. Seltsam - auch sein mochten, so nah war das Ergebnis doch an der Realität des globalen Countdowns.

Nordkoreas Diktator Kim Jong Il und Dr. Seltsam haben einiges gemeinsam: Das bizarre Auftreten und der abstruse Erlöserkult des "Geliebten Führers" können es mit jeder Filmerfindung aufnehmen. Doch Kim ist hier und jetzt, und anders als Dr. Seltsam ist er kein irres Genie, sondern ein skrupelloser Machtstratege, der ein Volk von 24 Millionen Menschen als Geisel hält, um das Überleben seines ausbeuterischen Regimes zu sichern. Mit seinem zweiten Atombombentest hat er nun demonstriert, dass er ernst genommen werden will - ernst genommen als Bedrohung. Etwas anderes hat er nicht zu bieten, weder der Welt, noch seinem Volk.

Die Rolle des globalen Erpressers spielt Kim dafür mit realpolitischer Bravour. Seit Jahrzehnten wiederholt er seine Ankündigungen, Nuklearwaffen bauen zu wollen. Denn wer aufrüstet, kann auch wieder abrüsten - und sich dafür von der Weltgemeinschaft belohnen lassen, in Form von Öl, Hilfslieferungen und Devisen.

Inwiefern Kim mit dem zweiten Test seinem Ziel, eine ernst zunehmende Nuklearmacht mit jederzeit einsetzbarem Zerstörungspotential zu werden, näher gekommen ist, werden Spezialisten in den nächsten Tagen zu ermitteln versuchen. Weil auf ihre Erkenntnisse nur begrenzt Verlass ist, muss die Welt den schlimmstmöglichen Fall annehmen. Dieser besteht nicht einmal darin, dass Kim seine Bombe eines Tages selbst einsetzt. Weitaus dramatischer wäre die Gefahr, wenn er seine Atomwaffen an andere Länder weitergeben würde. Dass Kontakte zu Terrorkreisen existieren, gilt als gesichert.

Der Weltgemeinschaft wird nichts anderes übrig bleiben, als wieder einmal auf Kims Forderungen einzugehen. So hat Kim gelernt, seine Atomwaffen als Lebensversicherung für sein Regime einzusetzen. Sie schützen ihn vor militärischen Angriffen von außen und versorgen ihn mit den nötigen Ressourcen, um die Eliten bei Laune zu halten. Kein Wunder, dass Kim seine Bombe liebt.****

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