Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Die Faschings-Schule"

Ausgabe vom 25. April 2009

Wien (OTS) - Schulpolitik 2009: Wenn man glaubt, noch tiefer
geht's nicht mehr, kommt von wo die nächste Dummheit her. Oder mit dem Watschenmann: Solchene Sachen lassen sich nicht erfinden.

Da hat man doch tatsächlich geglaubt, das Schulchaos hätte den Gipfel überschritten und die Täter würden sich bessern. Deren sind übrigens ziemlich viele: die überforderte Ministerin an der Spitze, daneben der jeder Bildungspolitik bare Koalitionspartner, Opposition, Gewerkschaft und Elternvereine. Sie alle gemeinsam haben ja die Schüler erst so richtig in revolutionäre Faschingslaune versetzt.

Doch statt sich endlich der Aufgaben der Schule zu besinnen, der Bildung und Ausbildung in einem international immer härteren Leistungswettbewerb, macht die Ministerin die Schule gleich noch lächerlicher: Denn sie erklärt den Schulbesuch an Fenstertagen zur frei wählbaren Option. Weil da eh alle wegfahren. Nur die Lehrer sollen (strafweise?) dableiben, um auf Kinder zu warten, die sich fördern lassen. Das werden wohl so viele sein wie einst bei Alfred Gusenbauers Nachhilfestunden.

Diese skurrile Regelung gilt übrigens nur nach den kirchlichen Donnerstag-Feiertagen, nicht jedoch, wenn der erste Mai auf einen Donnerstag fällt. Oder einen Dienstag. Warum eigentlich?

Damit sendet die Ministerin ein weiteres Signal aus, dass Schule nur noch eine frei wählbare Freizeitoption ist, wie ein Disco-Besuch. Folglich gilt ja auch die Teilnahme am freitägigen Schulstreik zwar als unentschuldigte Absenz - Konsequenzen hat so etwas aber schon lange nicht mehr.

Auch die drei übrigen Tage der wiedergewonnenen Schulzeit sollen laut Claudia Schmied nur bitte ja nicht dem Unterricht gewidmet sein, sondern nach den Vorschlägen der Schülervertreter gestaltet werden. Das wird wohl eine noch größere Hetz werden. Noch ein paar lustige "Projekte", Auslandsreisen oder Girls' Days. Nur nichts lernen.

Wohin aber, so fragen immer mehr verzweifelte Eltern, soll man die Kinder schicken, wenn die staatliche Schule im Eiltempo implodiert? Privatschulen - können die sich dem Chaos entziehen? Schweizer Schulen - wer außer Superreichen kann die bezahlen? Häuslicher Unterricht - wer schafft das schon?

Dabei könnten sich viele Eltern und Schulleiter durchaus auf gute Modelle einigen. Wenn sich nur die Schulpolitik nicht einmischen würde!

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