• 16.04.2009, 19:00:00
  • /
  • OTS0302 OTW0302

WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Homo Oeconomicus, Version 2.0 - von Michael Laczynski

Manager sehen die wirtschaftlichen Prozesse ganzheitlicher

Wien (OTS) - Nicht jeder hat das Zeug zum guten Samariter.
Menschen, die das Wohl der anderen prinzipiell vor ihr eigenes
stellen, sind dünn gesät - und besonders schwierig gestaltet sich die
Suche nach dieser seltenen Spezies in der Wirtschaftswelt. Kein
Wunder: Schließlich handelt der archetypische Kaufmann stets nach dem
Prinzip der Gewinnmaximierung und wehrt sich energisch gegen jegliche
Versuche Außenstehender, diesen hart erarbeiteten Profit zu
schmälern. Figuren wie der Bau-Tycoon Hans Peter Haselsteiner, der
sich schon in der Vergangenheit wiederholt für deutlich höhere
Steuern für die Reichen ausgesprochen hat, ließen sich bis dato an
den Fingern einer Hand abzählen.

Doch die Zeiten ändern sich und mit ihnen die gängigen Wahrheiten,
wie es Andreas Khol einst (und in einem ganz anderen Zusammenhang)
treffend anmerkte. Die Ära des grenzenlosen, von allen Fesseln
befreiten Geldverdienens scheint vorbei zu sein. Wie eine
telefonische Umfrage des WirtschaftsBlatts gestern ergeben hat,
sprechen sich die Spitzen des heimischen Managements mehr oder
weniger geschlossen für eine stärkere steuerliche Belastung des
Faktors Vermögen aus. Die Unternehmer finden sich damit im selben
Boot wie SPÖ-Politiker Franz Voves wieder, der lautstark nach der
Einführung einer Transaktions- und Vermögenszuwachssteuer verlangt.

An dieser Stelle drängt sich unweigerlich die Frage auf, was diesen
erstaunlichen Sinneswandel ausgelöst haben könnte. Die größere
Bedeutung des sozialen Gewissens in Krisenzeiten mag ein Faktor sein,
doch es gibt auch eine andere Erklärung: Die dramatischen Ereignisse
der vergangenen Monate haben dazu geführt, dass Entscheidungsträger
die wirtschaftlichen Prozesse ganzheitlicher sehen als noch am
Höhepunkt des Booms. Das Geld, das der Staat für seine Rettungspakete
ausgibt, muss er wieder einnehmen. Wer in diesem Kontext Steuern auf
Vermögen ablehnt, fordert indirekt die höhere steuerliche Belastung
des Faktors Arbeit - und damit die Abschaffung unseres auf
Massenkonsum basierenden wirtschaftlichen Systems.

Sollte diese Erklärung zutreffen, wäre sie ein Beweis für die
Wandlungsfähigkeit der freien Marktwirtschaft. Der vielgepriesene
Homo Oeconomicus, der Kosten und Nutzen knallhart kalkuliert, hat die
Zeichen der Zeit erkannt und seinen Horizont rechtzeitig erweitert.

Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/300
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWB

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel