WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Für viele kommt die Genugtuung zu spät - von Alexis Johann

Tempo ist das schärfste Werkzeug für die Behörden

Wien (OTS) - Anleger, Fondsmanager, Bankmitarbeiter und Globalisierungskritiker dürfte ein seltener Moment der Genugtuung geeint haben, als bekannt wurde, dass Julius Meinl V. in Untersuchungshaft genommen wurde. Was immer an den Vorwürfen zu "Provisionsschinderei" und "Anlegerbetrug" dran ist (die Vorwürfe werden von Meinl bestritten), es zeigt sich, dass die Mühlen des Gesetzes mahlen. Aber warum denn nur so langsam? "15 Prozent jährliche Wertsteigerung bis 2010 und ein Kurs von 20 Euro. Wir wollen selbst von der Wertsteigerung profitieren und planen ein umfangreiches Aktienrückkaufprogramm." So informierte Meinl European Land am 27. Juli 2007 die Aktionäre. Zu diesem Zeitpunkt war der Rückkauf der Immobilienpapiere jedoch beinahe abgeschlossen. Etwa drei Wochen später leitete die Finanzmarktaufsicht (FMA) Ermittlungen ein.

Die Erkenntnis: Es gilt das Aktienrecht von Jersey und nicht das von Wien. Eine Ansicht, der sich die Wiener Börse sofort anschloss. Die Meldepflicht für Aktienrückkäufe liege bei MEL erst bei 30 und nicht bei zehn Prozent. Erst der öffentliche Druck führte zu einem Umdenken und zur Aufnahme der Ermittlungen in Richtung Marktmissbrauch und Insiderhandel.

Die FMA rief auch die Nationalbank zur Hilfe. Dann geschah lange nichts, außer dass Verantwortung anderen zugeschoben wurde. Die Meinl Bank hatte so Zeit, Schäfchen ins Trockene zu bringen. Konkret ging es darum, sich die Cash Cows, die lukrativen Managementverträge für MEL, MIP und MAI, versilbern zu lassen. Exakt ein Jahr nach Bekanntwerden der ominösen Rückkäufe erhielt die Bank für die Ablöse der Managementverträge 280 Millionen Euro. Erst dann tröpfelten Informationen durch, dass die FMA die Meinl Bank als Drahtzieher der Rückkäufe identifiziert hatte. Für die Anleger kam das zu spät.

Es musste jedoch wieder ein dreiviertel Jahr vergehen, bis es zu Hausdurchsuchungen kam. Erstaunlich, dass die Staatsanwaltschaft angibt, fündig geworden zu sein. Meinl Bank-Vorstandssprecher Peter Weinzierl sieht sein Institut als Opfer der Medienöffentlichkeit. Die bittere Wahrheit ist, dass seine Einschätzung stimmt. Dort, wo die Öffentlichkeit die Causen aus den Augen verloren hat, geht bei den Ermittlungen gar nichts weiter. Internationale Steuer- und Marktbehörden leiten jedoch gerade aus der Aktualität ihre eigentliche Stärke ab. Die in London diskutierte schärfere Kontrolle der Finanzmärkte scheint aus rot-weiß-roter Sicht Lichtjahre entfernt.

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/300
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001