WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Kein großer Schritt für die Menschheit - von Michael Laczynski

Die an den Besuch von Obama geknüpften Erwartungen sind enorm

Wien (OTS) - Am 7. Juni 2001 erschien die renommierte britische Wochenzeitung "Economist" mit einem der denkwürdigsten Titelbilder in ihrer mehr als 150-jährigen Geschichte. Am Cover prangte das Foto eines amerikanischen Astronauten, der in der kargen Mondlandschaft den US-Sternenbanner befestigt. Die Überschrift dazu lautete "Mr. Bush goes to Europe", und der gleichnamige Leitartikel handelte vom bevorstehenden ersten Besuch des damals noch frischgebackenen US-Präsidenten George W. Bush in Europa. Seine Quintessenz: Bush möge zwar unerfahren sein, doch die Distanz zwischen Alter und Neuer Welt sei glücklicherweise geringer als zwischen der Erde und ihrem Trabanten. Eine Lösung der bilateralen Probleme hinsichtlich Umweltschutz und Sicherheitspolitik sei daher kein Ding der Unmöglichkeit.

Wie schnell doch die Zeit vergeht! Acht Jahre später würde niemand mehr auf die Idee kommen, den neuen Bewohner des Weißen Hauses mit einem ahnungslosen Astronauten zu vergleichen. Die Assoziationen, die einem zu Barack Obamas bevorstehender Visite spontan einfallen, liegen irgendwo zwischen der in der Bibel herbeigesehnten Ankunft des Herren auf der einen und der aktuellen, "Funhouse" titulierten Welttournee des US-Popsternchens Pink auf der anderen Seite. Der Korrektheit halber muss angemerkt werden, dass der Fun-Faktor dieser einwöchigen Dienstreise eher gering sein dürfte angesichts der anstehenden Themen, doch hinsichtlich Glamour kann Obama mit Pink locker mithalten.

Interessant ist jedoch, dass damals wie heute die Skepsis in Europa groß ist. 2001 lag das vor allem an der Person Bush und seinen unilateralen Instinkten. 2009 geht es um Sachfragen. Zwar versuchte Obama im Vorfeld des G20-Gipfels in London, die Differenzen zwischen dem amerikanischen Insistieren auf größere Konjunkturpakete und dem kontinentaleuropäischen Beharren auf strengeres Regelwerk herunterzuspielen. Gänzlich gelungen ist ihm dies aber nicht, wie der Blick nach Paris beweist. Dort wird seit Tagen gemunkelt, dass Präsident Nicolas Sarkozy den morgigen Gipfel platzen lassen will, falls die Finanzmärkte nicht stärker an die Kandare genommen werden.

Zwischen der ambitionierten Weltrettungs-Agenda und den in lichte Höhen geschraubten Erwartungen der Öffentlichkeit ist der Spielraum für einen echten Verhandlungserfolg denkbar gering. Es bleibt zu befürchten, dass dieser Besuch kein "großer Schritt für die Menschheit" sein wird, wie ihn Neil Armstrong vor 40 Jahren auf dem Mond getan hat.

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