• 28.03.2009, 19:43:50
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Griff nach der Orgel" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 29.03.2009

Graz (OTS) - Im Club 2 konnte man diese Woche sehr schön die ganze
Tragik des Alexander Wrabetz erleben. Mit einer Mischung aus
pazifistischer Grandezza und nackter Hilflosigkeit ließ er sich von
Gerd Bacher, dem alten Tiger, vor laufender Kamera in Stücke reißen.

Es spricht für Wrabetz und sein Verständnis von Zulassen, dass die
Sendung in dieser Konstellation stattfinden konnte, aber die
Bereitwilligkeit, mit der er sich zum Schafott führen ließ,
offenbarte gleichzeitig seine Schwäche: sein Übermaß an Vornehmheit,
seinen Mangel an Robustheit. Sie ist Grundvoraussetzung, um die
Rosskur, die Wrabetz dem ORF in seinem Strategiepapier verordnet,
nach innen durchzusetzen.

Natürlich hätte er das Konzept zum Amtsantritt vorlegen müssen. Was
er zutreffend diagnostiziert und an Rezepturen einmahnt, wusste er
schon als verantwortlicher Kaufmann. Jetzt schrieb er die Hausaufgabe
wohl für den Nachfolger.

Die Lage des Rundfunks ist dramatisch. Der ORF fährt einen jährlichen
Verlust von 60, 70 Millionen ein. Noch schminken die Rücklagen das
Debakel, aber der Vorrat wird in drei Jahren aufgebraucht sein, dann
ist das Unternehmen am Ende.

Die Ursachen sind bekannt: Aufgeblähte Strukturen, horrende
Personalkosten, Besitzstandswahrung, ein träger Aufsichtsrat, der
sich als politische Fernbedienung missbrauchen lässt und ein
hypertrophes Verständnis von lokalem Fernsehen. Für 20 Minuten
Bundesland Heute braucht man keine regionalen Fürstentümer, dafür
reicht ein Stüberl als Studio.

Um die Überdimensionierung zu finanzieren, muss der der ORF nicht nur
auf die Gebühren zugreifen, sondern (in viel zu hohem Ausmaß) auch
auf die Werbegelder. Abhängigkeit von Werbung heißt Abhängigkeit von
Quoten. Das widerspricht dem Auftrag. So kann man kein
selbstbewusstes, öffentlich-rechtliches Programm machen. Diese
Doppel-Identität deformiert auf Dauer. So geht man profillos
zugrunde. ORF 1 ist jetzt schon ein reiner Import-Laden für
US-Serien.

Die Frage ist: Interessiert das die Regierung überhaupt oder giert
sie bloß nach mehr Einfluss? Offenkundig darbt sie. Das spräche für
das Direktorium, vor allem für Elmar Oberhausers intakten,
herkunftsbedingten Borstigkeitsfaktor.

Die Machtphantasien von Rotschwarz sind zu durchkreuzen. Eine
internationale Personal-Agentur soll auf Basis eines transparenten
Anforderungskatalogs die fähigsten Fachleute für einen schlanken
Aufsichtsrat ermitteln. Das Experten-Gremium hat dann jene Köpfe zu
wählen, die es für geeignet hält, den ORF in die Zukunft zu führen.
Sie sollen auf keinen Politikerfesten zu sehen sein und keiner Partei
Dank abstatten müssen.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
mailto:[email protected]
http://www.kleinezeitung.at

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