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Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Alexander W., Masochist"
Ausgabe vom 27. März 2009
Wien (OTS) - Und da sage noch einer, der ORF wäre fad. Den
Zusehern, die sich in den - sonst durchaus verzichtbaren - Club-2-Neu
verirrt hatten, blieb jedenfalls der Mund offen: Da hängt der oberste
Chef des ORF schwer angeschlagen in den Seilen und wird von seinem
betagten Vorvorvorgänger nach Strich und Faden verprügelt. Da halfen
Alexander Wrabetz auch seine verzweifelten, wenn auch richtigen
Hinweise nichts mehr, dass Gerd Bacher bisher auf jeden seiner
Nachfolger ebenso aggressiv und unfair losgegangen ist. Als Bacher
dann endlich von Wrabetz abließ, da kam aber erst der richtige
K.O.-Schlag - ausgerechnet vom Ringrichter. Rudolf Nagiller
signalisierte ungeniert, wenn auch in Frageform, dass es Wrabetz halt
nicht könne.
Soll man nun Mitleid mit dem netten ORF-Chef haben? Oder hat er
sich mit dem freiwilligen Auftritt in der Sendung gezielt
masochistischen Gelüsten hingegeben? Dann hätte man vorher wohl ein
Jugendverbot verkünden müssen. Falls ihm jedoch irgendein krauser
Ohrwurm den Auftritt als Zeichen von Liberalität empfohlen haben
sollte, dann sollte der ORF-Chef schleunigst ehrlichere Ratgeber
suchen, etwa solche, die den rhetorischen Unterschied zwischen ihm
und Bacher kennen. Zumindest für die paar Wochen, in denen Wrabetz
noch die große Medienorgel bedienen darf. Dieser Mittwoch hat seinen
Abschied ja einzementiert. Trotz der massiven Mobilisierung von
Grün&Co zugunsten des Wrabetz-Systems.
Dessen Kern heißt Führungsschwäche. Und diese Schwäche droht den
ORF wirtschaftlich zu vernichten, zumal sie inmitten einer schweren
Strukturkrise deutlich wird. Deren Ursachen: Die rasch wachsende
Konkurrenz, das Desinteresse der Jungen am Fernsehen, die allgemeine
Wirtschafts- und Werbeflaute, aber auch der lähmende Wust von
Privilegien für Belegschaft und Betriebsrat. Die Führungsschwäche von
Wrabetz und seinem Direktorenteam hat aber auch bewirkt, dass im ORF
alle Mitarbeiter tun können, was sie wollen. Und die sind dort nun
mal in großer Mehrheit geistig weit links der Mitte angesiedelt.
Deshalb fühlen sich etwa bürgerliche Konsumenten jedweder
Schattierung dem Sender zunehmend entfremdet.
Freilich: Wenn nun der ORF in ein "Radio Rat- und Landhaus" (vulgo
"Faymann-Häupl-Pröll-Pröll-Funk") verwandelt werden sollte, würde ihm
das genauso wenig helfen wie die Ära Wrabetz.
http://www.wienerzeitung.at/tagebuch
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