"Kleine Zeitung" Kommentar: "Plädoyer für ein päpstliches Bußschweigen über Sexualität" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 19.03.2009

Graz (OTS) - Jetzt ist schon wieder was passiert. Papst Benedikt XVI. hat über Aids und Kondome geredet und das in Afrika. Das hätte er besser nicht getan. Was immer noch gesagt werden wird auf seiner Reise, der eine Satz wird in Erinnerung bleiben. "Die Immunschwächekrankheit Aids ist nicht durch die Verteilung von Kondomen zu überwinden, im Gegenteil, das verschlimmert nur das Problem", sagte der Papst in einer improvisierten Pressekonferenz im Flugzeug. Eine Begründung blieb er schuldig.

Wie sich Benedikt XVI. die Bekämpfung der Seuche vorstellt, kann man in der Abschrift des Gesprächs nachlesen. Es gehe darum, "die Sexualität zu humanisieren", den "Menschen von innen zu erneuern". Man müsse den Menschen "geistliche und menschliche Kraft geben für das rechte Verhalten gegenüber dem eigenen Körper und den des anderen." Das ist ein schönes und wichtiges Langzeitprogramm, bestens geeignet für Eheseminare in Oberbayern.

Der Papst aber sprach über Afrika. Dort leben sechzig Prozent aller Aids-Kranken. 17 Millionen Afrikaner sind schon an Aids gestorben, 22 Millionen haben sich infiziert. Vor diesem Hintergrund ist Benedikts Philippika gegen eines der wenigen wirksamen Mittel, das die Übertragung des Virus vereiteln kann, gemeingefährlich. Daran ändern auch die feinsinnigen Erwägungen nichts, die er seinem Urteil anfügt. Das Donnerwort über Kondome erschwert Ärzten, Missionaren und anderen Helfern den Kampf gegen die verheerende Krankheit. Sätze wie der zitierte verstärken die Unwissenheit über die Ursachen der Seuche und ihrer Weitergabe.

Dass der Papst nur sagt, was die Kirche seit über vierzig Jahren glaubt verkünden zu müssen, macht die Sache nicht besser. Der Ursprung liegt in der kurzschlüssigen Idee, Sex wäre nur dann gut, wenn Fortpflanzung dabei nicht ausgeschlossen wird. In dieser Logik ist die kategorische Ablehnung empfängnisverhütender Mittel folgerichtig. Aber diese grobe Vereinfachung ist lebensfremd und wird dem komplexen Thema nicht gerecht, nicht in Oberbayern und schon gar nicht in Afrika.

Vielleicht wäre ja allen geholfen, griffe Joseph Ratzinger auf ein Instrument zurück, das er als Präfekt der Glaubenskongregation selbst gerne angewandt hat: das Bußschweigen. Zehn Jahre kein Wort mehr über Sexualmoral, das wäre eine heilsame Entschlackungskur für alle Beteiligten. Päpstliche Reden klängen weniger moralistisch und wir könnten uns wichtigeren Aspekten des Lebens und der Religion zuwenden.****

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