• 11.03.2009, 19:36:17
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Potenzielle Brandopfer an der Chinesischen Mauer" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 12.3.2009

Graz (OTS) - Warum die Lehrervertreter die Gesamtgewerkschaft
gefährden.

In den letzten Tagen fielen aus den höchstmögenden Mündern der
Republik ein paar alarmierende Sätze. Zumindest jene, die
Gewerkschaften für eine wertvolle Errungenschaft halten, müssten sich
geschreckt haben.

Da verkündete der Bundeskanzler mit samtener Stimme, ihm sei im
Schulstreit natürlich an einem Konsens mit den Lehrervertretern
gelegen, aber wenn dieser nicht zustande komme, werde man eben allein
entscheiden.

Kurze Zeit später dekretierte der, nicht eben als sarkastisch
bekannte Bundespräsident sinngemäß, der Ministerrat werde ja nicht
handlungsunfähig, nur weil die Gewerkschaft unglücklich sei.

Das sind halbwegs starke Worte, hinter denen natürlich auch die
Gewissheit steckt, dass sie mehrheitsfähig sind.

Ich bin seit 25 Jahren Mitglied des ÖGB (das habe ich übrigens mit
der Bildungsministerin gemeinsam). Und nicht so sehr deshalb
erschreckt mich die Marginalisierung dieser Bewegung. Das Schlimme
daran ist, dass sie einem durchaus vernünftig und politisch
gerechtfertigt vorkommt.

Der Stil der Lehrergewerkschaft lässt den Schluss zu, dass sie sich
eigentlich nicht mehr als Lehrer-"Vertreter" bezeichnen darf. Ihre
Njet-Politik erinnert an Mitteilungen aus dem Kreml der sechziger
Jahre. Wären alle Lehrer selbst so innovationsfeindlich, würden die
Schulkinder heute noch mit Griffeln auf Schiefertafeln schreiben.

Mit dieser betonierten Haltung vertut man eine Chance. Zahlreiche
Pädagogen leisten bereits jetzt (vor allem qualitativ) mehr, als die
Ministerin verlangt. Sie tun das oft unter räumlichen und
organisatorischen Umständen, die unzumutbar sind. Hier könnte man als
konstruktiver Verhandlungspartner einhaken, Strukturverbesserungen
einfordern bzw. eigene, weiterführende Vorschläge machen etc.

Eine gute Gewerkschaft von heute muss einer Brücke zu den Sternen
gleichen, nicht der Chinesischen Mauer. Und die Devise "Yes, we can!"
stünde ihr viel besser an als das mieselsüchtige "Do dürfen S' net
durch".

Geht die Lehrergewerkschaft im Kampf mit der Regierung liegend k. o.,
ist das ein Fanal für die Zukunft. Der nächste, vielleicht viel
berechtigtere Widerstand könnte dann aus minderen Gründen politisch
niedergewalzt werden. So unter dem Motto: Es geht ja auch ohne die
lästigen Arbeitnehmervertreter. Denn es ging ja schon einmal.

Diese Beamtengewerkschaft spielt mit dem Feuer. Aber nicht als
Brandstifter, sondern als potenzielles Brandopfer.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
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