"Kleine Zeitung" Kommentar: "Potenzielle Brandopfer an der Chinesischen Mauer" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 12.3.2009

Graz (OTS) - Warum die Lehrervertreter die Gesamtgewerkschaft gefährden.

In den letzten Tagen fielen aus den höchstmögenden Mündern der Republik ein paar alarmierende Sätze. Zumindest jene, die Gewerkschaften für eine wertvolle Errungenschaft halten, müssten sich geschreckt haben.

Da verkündete der Bundeskanzler mit samtener Stimme, ihm sei im Schulstreit natürlich an einem Konsens mit den Lehrervertretern gelegen, aber wenn dieser nicht zustande komme, werde man eben allein entscheiden.

Kurze Zeit später dekretierte der, nicht eben als sarkastisch bekannte Bundespräsident sinngemäß, der Ministerrat werde ja nicht handlungsunfähig, nur weil die Gewerkschaft unglücklich sei.

Das sind halbwegs starke Worte, hinter denen natürlich auch die Gewissheit steckt, dass sie mehrheitsfähig sind.

Ich bin seit 25 Jahren Mitglied des ÖGB (das habe ich übrigens mit der Bildungsministerin gemeinsam). Und nicht so sehr deshalb erschreckt mich die Marginalisierung dieser Bewegung. Das Schlimme daran ist, dass sie einem durchaus vernünftig und politisch gerechtfertigt vorkommt.

Der Stil der Lehrergewerkschaft lässt den Schluss zu, dass sie sich eigentlich nicht mehr als Lehrer-"Vertreter" bezeichnen darf. Ihre Njet-Politik erinnert an Mitteilungen aus dem Kreml der sechziger Jahre. Wären alle Lehrer selbst so innovationsfeindlich, würden die Schulkinder heute noch mit Griffeln auf Schiefertafeln schreiben.

Mit dieser betonierten Haltung vertut man eine Chance. Zahlreiche Pädagogen leisten bereits jetzt (vor allem qualitativ) mehr, als die Ministerin verlangt. Sie tun das oft unter räumlichen und organisatorischen Umständen, die unzumutbar sind. Hier könnte man als konstruktiver Verhandlungspartner einhaken, Strukturverbesserungen einfordern bzw. eigene, weiterführende Vorschläge machen etc.

Eine gute Gewerkschaft von heute muss einer Brücke zu den Sternen gleichen, nicht der Chinesischen Mauer. Und die Devise "Yes, we can!" stünde ihr viel besser an als das mieselsüchtige "Do dürfen S' net durch".

Geht die Lehrergewerkschaft im Kampf mit der Regierung liegend k. o., ist das ein Fanal für die Zukunft. Der nächste, vielleicht viel berechtigtere Widerstand könnte dann aus minderen Gründen politisch niedergewalzt werden. So unter dem Motto: Es geht ja auch ohne die lästigen Arbeitnehmervertreter. Denn es ging ja schon einmal.

Diese Beamtengewerkschaft spielt mit dem Feuer. Aber nicht als Brandstifter, sondern als potenzielles Brandopfer.****

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