"Kleine Zeitung" Kommentar: "Aus eins mach 365" (Von Ute Baumhackl)

Ausgabe vom 8. März 2009

Graz (OTS) - Was war so los anno 1911? Karl ehelichte Zita.
Amundsen erreichte als erster den Südpol. In Indien wurde erstmals Post per Flugzeug befördert. Der Fußballclub Austria Wien wurde gegründet, Bruno Kreisky und Marcel Prawy wurden geboren, Gustav Mahler starb und die Titanic lag noch in der Werft.

Den ersten Frauentag gab es auch 1911; in Dänemark, Deutschland, der Schweiz und Österreich-Ungarn. Die Welt hat sich seither gehörig geändert, wer braucht da noch einen Kampftag für die Gleichstellung der Frauen? Das diesjährige Motto des Weltfrauentags, der seit 1977 unter Patronanz der Vereinten Nationen steht, lautet: "Frauen und Männer vereint für ein Ende der Gewalt gegen Frauen und Mädchen".

Klitorisverstümmelung, systematische Vergewaltigung im Krieg, Zwangsverheiratung, Ehrenmorde, prügelnde Väter, Söhne, Ehemänner _ die Liste der Entsetzlichkeiten ist lang, dazu gab es jüngst zahlreiche hoch politische Wortmeldungen, angefangen bei UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon, der dazu aufrief, "die gewohnheitsmäßige und sozial tief verwurzelte Gewalt zu beenden, die Leben zerstört, Gesundheit schädigt, Armut verschlimmert und Frauen daran hindert, gleichberechtigt zu sein".

Auch auf nationaler Ebene wurde dieser Tage diskutiert: über weibliche Armut, Einkommen und Qualifikation, flexiblere Arbeitszeiten, bessere Kinderbetreuung, Frauen-Netzwerke, das Übliche halt. Allen Forderungen gemeinsam war ihre plötzliche Dringlichkeit -und ihre Termintreue. Pünktlich zum 8. März werden die Frauenthemen aus dem Ladl geholt, genauso pünktlich wird die Verlogenheit dieses saisonalen Engagements kritisiert, und bald herrscht wieder Ruhe.

Das könnte man in bester feministischer Tradition mit der Perfidie des patriarchalen Systems begründen. De facto aber sitzen in allen Parteien längst durchaus mächtige Frauenpolitikerinnen, die, wie übrigens auch ihre Herren Kollegen, den Auftrag haben, die Gleichstellung der Frauen umzusetzen. Die ist nämlich längst Gesetz.

Und dann wären da auch noch wir, die Frauen, gut eingewickelt in die wärmende Opferrolle, Jahr für Jahr überrascht, weil schon wieder ein Frauentag vor der Tür steht und die Probleme noch immer die selben sind. Die meisten von uns leben gottlob ohne physische, psychische, finanzielle Bedrohung. Das mag vom kollektiven Wohlergehen ablenken, aber noch immer gilt: Wer es besser haben will, muss dafür sorgen, dass es auch den anderen besser geht. Ein längerfristiges Projekt, übrigens, und dafür könnte ja der Weltfrauentag, 98 Jahre nach seiner Gründung, endlich einmal der Auftakt sein. ****

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