Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Der Wind bläst rechts"

Ausgabe vom 6. März 2009

Wien (OTS) - Was wäre eigentlich, wenn Alfred Gusenbauer auch noch das jüngste Wahlergebnis verantworten müsste? Nach dem heftigen Doppel-Minus (zehn in Kärnten, sechs in Salzburg) gäbe es jedenfalls eine schwere Partei- wie Koalitionskrise samt Sturm der Medien. Das ist jedoch ebenso ausgeblieben (lässt man die üblichen albernen Ratschläge aus Graz beiseite) wie nach der Kriegserklärung der Unterrichtsministerin an die Lehrer (aller Couleurs).

Dafür gibt es mehrere Interpretationen: Eine wäre, dass die Massenmedien zu dem wenig sympathischen Gusenbauer einfach ungerecht waren. Eine weitere läge im Inseraten-Tsunami aus öffentlichen Geldern samt geheimnisvoll stillen Beteiligungen, die den Boulevard derzeit sehr SPÖ-geneigt machen.

Freilich gibt es auch noch eine andere Erklärung für das Ausbleiben eines Sturmes: Die SPÖ selbst könnte erkannt haben, dass der politische Wind nach rechts bläst. Im übrigen Europa mehr als hierzulande (wo ja alle Parteien irgendwie sozialdemokratisch sind). In Italien ist der von vielen fast so oft wie Jörg Haider oder Wolfgang Schüssel hinuntergeschriebene Silvio Berlusconi populärer denn je, während die Linksparteien höchstens noch ein Gerücht sind. In Deutschland ist zwar Angela Merkel nicht wirklich im Hoch, aber zusammen haben CDU, CSU und (vor allem) FDP bei Umfragen mehr Prozente denn je in der Geschichte. In Frankreich ist der rechte Sarkozy (trotz oder wegen seiner eher linken Politik?) zwar nicht mehr so populär wie einst, aber dennoch völlig ungefährdet. Und in Großbritannien gibt es kaum noch jemanden, der Labour einen weiteren Wahlsieg zutraut. Ja, und die Grünen sind überall nur noch ein so skurriler Anachronismus wie Monarchisten.

Das alles hängt mit dem schweren Beben namens Weltwirtschaftskrise zusammen. Krisenzeiten sind schlecht für die klassische Linke. Sozialdemokraten oder Ökoträumer holt man, wenn es etwas zum Umverteilen gibt, aber nicht, wenn die gesamte Ökonomie darniederliegt.

Das freilich bedeutet noch keinen dauernden Freifahrschein für Liberale und Konservative. Schaffen diese die Sanierung nämlich nicht, stehen schon die Populisten vor der Tür. Von Strache bis zu Lafontaine. Auch wenn die keine Rezepte haben.

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