Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Der Graf im Verließ"

Ausgabe vom 3. März 2009

Wien (OTS) - Genutzt hat es zwar nichts, dennoch fällt es auf: Als die Arbeitslosenzahlen noch erfreulich waren, wurden sie oft am letzten Tag des Monats bekannt. Diesmal ließ man sich zwei Tage mehr Zeit. Die katastrophale Lage sollte ganz offensichtlich am Vorabend wichtiger Wahlen verschwiegen werden.

Das ist parteipolitisch verständlich. Das Vertrauen in die Objektivität der hohen Obrigkeit wird dadurch freilich nicht gerade erhöht.

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Alfons Mensdorff-Pouilly ist seit langem in Gesellschaft wie Öffentlichkeit durch gräfliche Überheblichkeit aufgefallen. Er erinnerte dadurch an Helmut Elsner; nur dürften bei diesem die Macht des Geldes und nicht die Farbe des Bluts solche Präpotenz ausgelöst haben. Das sagt natürlich noch nichts über des Grafen Schuld aus, auch wenn die bisher bekannten Indizien recht ernsthaft klingen.

Absurd ist allerdings die Wendung, die Peter Pilz der Verhaftung Mensdorffs geben will. Er sieht ein neues Argument gegen die Eurofighter-Anschaffung durch Österreich - und übersieht dabei erstens, dass Mensdorff nicht wegen eines österreichischen, sondern eines tschechischen Kaufs im Zwielicht steht; sowie zweitens, dass Mensdorff nicht für Eurofighter, sondern die Konkurrenten von Saab-Gripen tätig war. Angesichts der Tatsache, dass Mensdorff Ehemann einer damaligen Ministerin ist, spricht das eigentlich deutlich für die österreichische Entscheidung.

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Ein Gericht hat eine Wellness-Therme verurteilt: Diese will eine Ärztin nicht anstellen, die auf dem Tragen eines Kopftuchs beharrt. Das zeigt erstens, wie relativ Gerechtigkeit ist: Denn andere Rechtsstaaten verbieten Kopftücher. Und das zeigt zweitens, wie sehr sich die krampfhafte Political Correctness mancher Richter von Bürgern und wirtschaftlichen Realitäten entfernt hat. Denn eine Therme würde mit Sicherheit viele Kunden verlieren (noch dazu in Zeiten einer Thermenkrise), wenn diese von Kopftuch-Ärztinnen betreut würden. Den Gästen kann man ja nur schlecht vorschreiben, in welche Therme sie fahren.

Und jene wenigen Arbeitgeber, die überhaupt noch gewillt sind, jemanden neu anzustellen, werden so wieder einmal belehrt, wie sehr ihnen das Leben durch kündigungsgeschützte Richter im gutmenschlichen Elfenbeinturm erschwert wird.

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