Peter Handke gegen Papst, Obama und "Lügnerin" Clinton

"Kärntner Epos" für die Bühne in Fertigung

Wien (OTS) - In diesen Tagen erscheint bei Suhrkamp seine literarische Reportage "Die Kuckucke von Velika Hoca" über eine serbische Enklave im Kosovo. In der morgen erscheinenden NEWS-Ausgabe äußert sich Peter Handke zur Weltlage und zu seinen Plänen.

In den Aufbruchsjubel um Obama und seine Außenministerin will Handke nicht einstimmen: "Das hat mich sehr enttäuscht, dass Obama Hillary Clinton geholt hat. Das ist die Dame, die im Wahlkampf der Lüge und Aufschneiderei überführt wurde, weil sie behauptete, in Bosnien mit ihrer Tochter beschossen worden zu sein. So jemand ist plötzlich Außenminister? Ich war auch enttäuscht von Obamas Rede:
"Wir sind wieder bereit, den anderen Völkern den Weg zu zeigen." Und dann schreien wieder alle in die Kamera: "Wir sind das größte Volk!" Der Unterschied ist, dass sogar die Schwarzen mitschreien. Kein Volk ist das größte, das beste oder das auserwählte. Die Rhetorik hat sich jedenfalls nicht sehr geändert. Und was er sonst an Ministern angestellt hat! Sogar der Kerl, der die Folter in Guantanamo befürwortet hat, darf jetzt großer Politiker spielen. Ich bin vor den Kopf gestoßen."

Deutlich wird Handke auch zur Kirchenkrise, wobei er dem Papst ein vernichtendes Zeugnis ausstellt: "Das alles ist völlig hirnrissig. Das ist halt das Problem des Papstes: sein typisches Prälatentum. Diese Leute waren nie im Kontakt mit einem Volk, weil sie vom Seminar weg Priester und Lehrer geworden sind. Wie seltsam ist seine Autobiographie: Da wächst einer in Traunstein (nahe dem Konzentrationslager Dachau, Anm.) auf und redet kein Wort von Juden oder Verfolgungen. Es ist schon recht, wenn die Frömmigkeit nach innen gekehrt ist, aber ein bissl die Augen aufmachen kann man doch. So selbstverständlich ist es nicht, dass man Hitlerjunge sein musste. Mir ist es symbolisch unerträglich, dass ein Hitlerjunge Papst ist. Auch wenn er damals unter Todesandrohung zur Hitlerjugend gezwungen worden sein sollte. Schon was er in Regensburg gegen den Islam gesagt hat, ist unverzeihlich. So etwas können Wissenschafter sagen oder Kinder, die empört sind. Aber nicht das Oberhaupt der katholischen Kirche. Und was dieser Williamson verkörpert: Das hat gewusst zu werden, wenn man die Entscheidung trifft, eine Exkommunikation aufzuheben. Zu den sieben Todsünden gehört noch eine achte - die Ahnungslosigkeit, das Zeichen von Nicht-in-der-Welt-Sein. Wissen ist wenig. Aber Ahnung haben ist alles."

Und zum designierten Weihbischof Wagner: "Der Rückzug stand sogar in der ,Liberation’! In der Kirche gibt es sicher viele helle Stellen, aber das ganze Gebäude ist im Moment nicht so gut ausgeleuchtet."

Suhrkamp-Autor Handke zur viel diskutierten Übersiedlung seines Verlages nach Berlin: "Es tut mir leid für die Leute, die da seit langem in Frankfurt leben. Gefallen kann es einem nicht, aber das ist die Entscheidung der Leute, die den Verlag machen. Dass man hinzieht, weil viele Autoren in Berlin leben, ist fadenscheinig. Die Entfernung macht ja alles inniger! Ich bin froh, dass der Verlag weit weg ist. Es wär’ furchtbar, wenn er in Versailles wäre."

Er selbst arbeitet an einem Theaterstück über die Kärntner Partisanen, das im nächsten Jahr an einem noch nicht feststehenden Ort uraufgeführt werden soll. Handke: "Ich bin noch am Schreiben. Es geht um den Widerstandskampf der Kärntner Partisanen gegen Hitler. Zugleich ist es auch episch und traumhaft. Ich hab mir gedacht: Wenn schon ein Stück, dann geh ich aufs Ganze und erzähl’ auch wirklich lang und breit und scharf und schneidend von der Geschichte eines Volkes. Die Protagonisten sind diejenigen, die als einzige organisiert auf dem Boden des Dritten Reiches Widerstand geleistet haben. Ich mach’s halt auf meine Art, ein langes, episches Stück in der Art von "Zurüstungen für die Unsterblichkeit", fast ein Kärntner Epos. Es fängt im Vorkrieg an und greift in die Ewigkeit aus. Die Bösen treten nicht auf, sie werden nur nachgemacht: der Gauleiter Rainer oder die Gendarmen, die Frauen und Kinder an die Bäume gehängt haben ... am Schluss versucht dann der übrig gebliebene Held alle diese Leute loszuwerden und merkt, dass er es nicht mehr kann. Das ist eine der Haupttraurigkeiten der Geschichte."

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