"Papst sollte Denkpause zur Revision seiner Konzilssicht nutzen"

Früherer bayrischer Staatsminister Hans Maier sieht als Grund für das aktuelle "Debakel" neben den vatikanischen Kommunikationsproblemen auch die Haltung Benedikts XVI. zum Zweiten Vatikanischen Konzil -Kein totaler Bruch mit der Vergangenheit, aber das Konzil "revidiert vieles in der Geschichte der Kirche"

Zürich-München, 23.2.09 (KAP) Papst Benedikt XVI sollte die im Vatikan entstandene "Denkpause" über die Sinnhaftigkeit der bisherigen Politik der "Vorleistungen" gegenüber den Lefebvrianern zur Revision seiner Konzils-Sicht nutzen: Dafür plädierte der frühere bayrische Staatsminister und Altpräsident des "Zentralkomitees der deutschen Katholiken" (ZdK), Hans Maier, in einem "Nachwort zum Streit um den Papst und die Pius-Bruderschaft" in der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ).

Am Anfang sei "die gute Absicht" gestanden, so Maier: "Der Papst wollte die Kirchenspaltung beenden, die durch die Opposition des französischen Erzbischofs Marcel Lefebvre und seiner Anhänger gegen Beschlüsse des Zweiten Vaticanums entstanden war". Schon als Präfekt der Glaubenskongregation habe sich Kardinal Ratzinger im Auftrag von Johannes Paul II. vergebens um die Versöhnung bemüht. Als Papst habe Ratzinger den Faden wiederaufgenommen. Das Bemühen, die Lefebvrianer zur Rückkehr in die kirchliche Gemeinschaft zu bewegen, ziehe sich durch das bisherige Pontifikat - "was man verstehen kann, gehört es doch zu den Pflichten des Papstes, als Pontifex - als Brückenbauer -für die Einheit der Kirche zu sorgen".

Doch bei der Verfolgung dieses Ziels müsse einiges in die falsche Richtung gelaufen sein; es sehe fast so aus, als sei das Drehbuch der Versöhnung nicht vom Vatikan, sondern von der "Pius-Bruderschaft" entworfen worden. Auch habe der Papst unter denen, die er mit den Verhandlungen betraute, offensichtlich keinen gefunden, der dieser heiklen Aufgabe wirklich gewachsen war. Kardinal Dario Castrillon Hoyos scheine tatsächlich auf die von den "Pius-Brüdern" getroffene Unterscheidung eingegangen zu sein: Ja zur Anerkennung des päpstlichen Primats, aber "Verhandlungen" über einzelne Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils. Zwei von der "Pius-Bruderschaft" geforderte "Vorleistungen" - die allgemeine Wiederzulassung der Messe nach dem "alten Usus" von 1962 und die Aufhebung der Exkommunikation der lefebvrianischen Bischöfe - seien tatsächlich erfüllt worden. "Ehe die nächste Seite des Drehbuchs aufgeschlagen wurde", sei es dann durch das Zusammentreffen der Holocaust-Leugnung des Richard Williamson und der Aufhebung der Exkommunikation der lefebvrianischen Bischöfe zum Skandal gekommen.

Maier äußerte die Hoffnung, dass der "internationale Skandal" zu mehr Konsequenzen führt als zur Behebung der offensichtlich gewordenen "Kommunikationsstörungen im Vatikan". Vielmehr gehe es auch um eine Anfrage an Benedikt XVI. Denn durch seine bisherigen Schritte drohe der Papst die Autorität des Konzils, an dem er führenden Anteil hatte, "in Frage zu stellen".

Wörtlich stellte Maier fest: "Benedikt XVI. betont immer wieder sehr stark die Kontinuität, die in der Kirchengeschichte walte, er wehrt sich gegen 'diskontinuierliche' Auslegungen des Konzils. Aber in vielen Bereichen markiert das Zweite Vaticanum eben doch einen verpflichtenden Neuanfang, einen 'point of no return'. Nach 'Nostra Aetate', der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen, kann man als Katholik ernstlich nicht mehr Judenmission betreiben. Nach 'Dignitatis Humanae', der entsprechenden Erklärung zur Religionsfreiheit, kann man nicht mehr den Satz aufrechterhalten, der lange galt: 'Keine Freiheit für den Irrtum'. Nach 'Gaudium et Spes', der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute, kann man nicht mehr integralistisch für alle profanen Bereiche verpflichtende Regeln aufstellen und diejenigen verfolgen, die sich nicht daran halten wollen und können. Das Konzil ist kein totaler Bruch mit der Vergangenheit, aber es revidiert vieles in der Geschichte der Kirche – sei es aus gewachsener besserer Einsicht, sei es aus Reue über frühere Irrtümer und Verfehlungen".

Man müsse - so Maier - "fast dankbar sein", dass das jetzige "Debakel" um die lefebvrianischen Bischöfe den Prozess der Wiederannäherung des Vatikans an die "Pius-Bruderschaft" angehalten und eine Denkpause erzwungen habe. Weitere "Vorleistungen" seien "jetzt kaum mehr denkbar - zum Glück für die Kirche".

Maier erinnerte abschließend an die mutige Vergebungsbitte Johannes Paul II., die eben auch vom Konzil revidierte Irrtümer der Kirche betraf: "Die Kirche kann irren und hat geirrt. Sie kann sündigen und hat gesündigt. Hätte Johannes Paul II. sonst im Jahr 2000 sein 'Vergebt uns!' gesprochen und dabei die ganze kirchliche Vergangenheit einbezogen?" (ende)
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