DER STANDARD-Kommentar: "Problem gelöst, Systemfehler bleibt" von Markus Rohrhofer

Der "Fall Wagner" hat gezeigt: Die Einheit der Kirche spießt sich an Roms Ignoranz; Ausgabe vom 17.2.2009

Wien (OTS) - Nun scheint die katholische Welt also wieder in
Ordnung zu sein. Gerhard Maria Wagner hat die Notbremse gezogen und auf einen Karrieresprung verzichtet. So freiwillig, wie eben freiwillige Rücktritte in der Kirche passieren. Zuerst ein mitbrüderliches Gespräch hinter verschlossenen Türen, dann der Abgang aus "freien Stücken" coram publico. Und ausgerechnet jetzt mischt sich in die Negativstimmung erstmals auch hörbarer Applaus für Wagner. "Mutig" sei die Entscheidung, nicht bischöflicher Hilfsarbeiter zu werden, gewesen, tönt nun auch so mancher Kritiker. Doch Wagner wäre nie freiwillig gegangen. Ein Mann, der "täglich den Konflikt sucht" und ohne diesen ein "irgendwie mulmiges Gefühl" in sich trägt, zerbricht nicht am Aufstand des gemeinen Kirchenvolkes. Und Wagner hat nicht Jahrzehnte auf diesen Sprung an die regionale Kirchenspitze hingearbeitet, um im entscheidenden Moment von sich aus klein beizugeben. Den Gläubigen zuliebe wäre der konservative Geistliche nie in die Unbedeutsamkeit zurückgekehrt. Einen, der so obrigkeitshörig und so bedingungslos loyal Rom gegenüber ist, schmerzt viel mehr, vom Papst einen Maulkorb verpasst zu bekommen. Doch auch wenn der Landpfarrer künftig wieder seine Gemeinde im Garstnertal beglücken wird, gelöst ist das grundsätzliche Problem, das der "Fall Wagner" aufgezeigt hat, damit noch lange nicht. Denn der Teufel steckt nicht in Harry Potter, sondern im Detail. Konkret in der römischen Personalpolitik. Nicht Wagners bereits seit Jahren bekannte, abstruse Thesen zu Naturkatastrophen oder dessen abfällige Äußerungen über Homosexualität allein haben die größte heimische Kirchenkrise seit der Ära Groër ausgelöst. Schwerer wiegt, dass sich viele Katholiken in längst überwunden geglaubten Zeiten der vatikanischen "Diktatur" zurückversetzt fühlen.
Waren in den vergangenen zehn Jahren die Bischof-Bestellungen, etwa der Wiener Weihbischof Stephan Turnovszky, völlig unaufgeregt und durchaus wohlüberlegt gewählt, ging bei der Bestellung Wagners, bewusst oder unbewusst, so ziemlich alles daneben. Der Dreiervorschlag des Linzer Diözesanbischofs wurde ignoriert, Warnungen von hohen Würdenträgern der Kirche aus anderen Diözesen überhört. Auch dem Papst sollte bekannt gewesen sein, dass Kardinal Schönborn bereits einmal in der "Causa prima" aktiv war und Wagner als Bischof von Linz in letzter Minute verhindert hat. Und dennoch hat sich Benedikt XVI. für einen konservativen Alleingang entschieden und so insbesondere den Wiener Erzbischof bis auf die geistlichen Knochen blamiert. Es ist in der österreichischen Kirchengeschichte wohl einzigartig, dass ein Kardinal vom Papst derart vorgeführt worden ist. Und mit Schönborn stehen die Bischöfe ratlos im Regen. Gerhard Maria Wagner ist Geschichte. Dann und wann wird der 54-Jährige zwar noch über die Grenze seiner Dorfkirche hinweg mit verbalen Kraftakten auffallen, wirklich aufregen wird dies aber genau so viel wie das berühmte "umfallende Radl in China".
Was aber weiterhin bestehen bleibt, ist der Fehler im System. Die frisch aufkeimende römische Ignoranz garantiert auch künftig Probleme. Dem Kardinal und seinen Bischöfen wurde von Rom die Autorität entrissen. Schönborn hat jetzt die Pflicht, mit aller Vehemenz Grundlegendes des Zweiten Vatikanischen Konzils einzufordern: die Einbindung der Ortskirchen - insbesondere bei Personalentscheidungen.
Passiert nichts, nährt das das Bild, dass Kardinal und Bischöfe eine isolierte Behörde sind, die sich nur im Repräsentieren gefällt. Das Ideal wären aber Leiter, die zuhören und offen Ratschläge und Einwände von Priesterschaft und Laien entgegennehmen können.

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