Tirol: Armut von Erwerbstätigen, aber auch Reichtum nehmen deutlich zu

Innsbruck (OTS) - Die Schere zwischen Armut und Reichtum geht
weiter auseinander - auch in Tirol. Während hohe Einkommen und Vermögen in den letzten Jahren deutlich zunahmen, stieg zugleich die Zahl Erwerbstätiger, deren Einkommen nicht zum Leben reicht. Das ist das wichtigste Ergebnis einer Studie, die am Montag in Innsbruck vorgestellt wurde. Erarbeitet wurde die Studie von der "Österreichischen Gesellschaft für Politikberatung und Politikentwicklung" auf Ersuchen des ÖGB Tirol.

Die wichtigsten Ergebnisse

Jeder zehnte Tiroler und jede zehnte Tirolerin ist armutsgefährdet. In Tirol waren zuletzt (2006) 70.000 Menschen oder 10 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet, hatten also weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung. Die Hauptursachen sind, dass immer mehr Arbeitsplätze kein ausreichendes Einkommen ermöglichen und dass etliche Sozial- und Sozialversicherungsleistungen nicht mehr ausreichen, um Menschen vor Armutsgefährdung und Armut zu schützen.

Eine Entwicklung war in den letzten Jahren besonders dramatisch:
Die Armutsgefährdung erwerbstätiger Haushalte hat deutlich zugenommen. Vor allem neue Erwerbsformen, die zu unregelmäßiger, nicht ganzjähriger und nicht ganztägiger Beschäftigung führen, haben die Armutsgefährdung stark erhöht. 2007 hatte nur mehr die Hälfte (52 Prozent) der Tiroler ArbeitnehmerInnen einen "Normalarbeitsplatz", waren also ganzjährig vollzeitbeschäftigt. Zuletzt (2006) lebten in Tirol etwa 36.000 "working poor", also Menschen, die trotz Erwerbsarbeit armutsgefährdet oder arm sind. Mit 16 Prozent ist der Anteil der "working poor" an den Beschäftigten in Tirol höher als im Bundesdurchschnitt. Verschärft wird die Situation dadurch, dass die Einkommen der Tirolerinnen und Tiroler an sich schon bei Vollzeitbeschäftigten um durchschnittlich 6 Prozent und bei Teilzeitbeschäftigten um 7 Prozent unter dem österreichischen Schnitt liegen.

Arbeitslosigkeit verschärft das Risiko von Armutsgefährdung und Armut. Durchschnittlich 16.400 Tirolerinnen und Tiroler waren 2007 von Arbeitslosigkeit betroffen. Sowohl das durchschnittliche Arbeitslosengeld wie auch die durchschnittliche Notstandshilfe liegen in Tirol aber - wie auch in Österreich insgesamt - unter der Armutsgrenze. Damit waren in Tirol ständig etwa 1.900 Haushalte von Armutsgefährdung aufgrund von Arbeitslosigkeit eines oder mehrerer Familienmitglieder betroffen.

Leistungen der öffentlichen Hand senken die Armutsgefährdung. Ohne Sozialleistungen wären in Tirol nicht 70.000, sondern 166.000 Menschen (24 Prozent der Bevölkerung) armutsgefährdet bzw. tatsächlich arm. Dennoch sind beispielsweise über 21.000 PensionistInnen in Tirol armutsgefährdet, weil ihre Pensionen mitsamt Ausgleichszulage unter der Armutsgefährdungsgrenze (2006: 765 Euro) liegen.

Zugleich nimmt auch der Reichtum auch in Tirol zu - und zwar deutlich. Die Zahl der Menschen mit hohem Einkommen (über 200 Prozent des Medianeinkommens) hat zwischen 2002 und 2007 in Tirol um rund 15.000 (oder 51 Prozent) auf etwa 45.500 zugenommen. Zudem sind deren Einkommen weitaus stärker gestiegen als das durchschnittliche Arbeitnehmereinkommen. Außerdem gab es 2007 in Tirol in Privaten Haushalten, Organisationen und Unternehmen Geldvermögen von schätzungsweise 59,5 Mrd. Euro. Gegenüber 2003 ist das eine Zunahme um 26,0 Mrd. Euro (oder 78 Prozent).

Die Ergebnisse zeigen, dass das Ungleichgewicht zwischen Armut und Reichtum auch in Tirol immer größer und spürbarer wird, weshalb eine Diskussion um mehr Verteilungsgerechtigkeit unumgänglich ist. Denn der Anteil der Arbeitnehmereinkommen an der gesamten Wertschöpfung ist deutlich rückläufig, während der Anteil der Selbständigeneinkommen und Unternehmensgewinne deutlich zunimmt.

Veränderungen müssen dort ansetzen, wo es die größten Probleme gibt: zur Armutsbekämpfung sind vordringlich die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung und existenzsichernde Beschäftigungsformen bzw. Einkommen, auch bei den Älteren; weiters Investitionen in die Bildung, in die Pflegesicherung und die Kinderbetreuung; ebenso eine Begrenzung der Lebenshaltungskosten, vor allem der Wohnkosten; außerdem die Sicherung des soziales Netzes und letztlich eine gerechtere Besteuerung von Einkommen einerseits und Vermögen andererseits.

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