WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Am Brenner wurde genug getrödelt - von Alexis Johann

Die Brennertunnel-Entscheidung liegt ganz alleine bei uns

Wien (OTS) - "Von einem Aus kann nicht gesprochen werden." So antworten Infrastruktur- und Finanzministerium dem WirtschaftsBlatt, das beim Brennerbasistunnel ein drohendes Ende sieht. Die österreichische Regierung stehe weiterhin zum Megaprojekt. Aber daran gab es ohnehin keinen Zweifel. Das Problem betrifft den Faktor Zeit. Als die passfreie Zusammenführung Tirols erstmals durchgerechnet wurde, 1983, bezifferten Experten den Bau mit unvorstellbaren 50 Milliarden Schilling (3,6 Milliarden Euro). Heute liegen die Schätzungen bei 20 bis 40 Milliarden Euro - je nach Studienautor. Jährlich hat sich der Bau also um eine halbe Milliarde Euro verteuert. Noch schlimmer ist allerdings, dass die EU von Österreich schon vor einem Jahr eine konkrete Finanzierungszusage forderte oder die Gemeinschaft werde abspringen. Der zuständige EU-Koordinator Karel van Miert damals: Ausschreibung 2009, Baubeginn 2010. Noch Ende der neunziger Jahre waren schließlich alle davon ausgegangen, dass der Tunnel zu diesem Zeitpunkt bereits fertig sein würde. Tirols Landeshauptmann Günther Platter will diese Woche Finanzminister Josef Pröll klar machen, dass der pure Wille nun nicht mehr reicht, Entscheidungen sind fällig.

Die Lage ist tatsächlich verzwickt: Österreich will den Tunnel, um die Autobahn zu entlasten. Italien möchte auch, hat tatsächlich schon Gelder eingesammelt und überwiesen. Deutschland möchte eigentlich nicht und prüft derzeit Varianten und Alternativen, Ergebnisse der Studien sind nicht vor 2010 zu erwarten. Ohne die deutschen Zulaufstrecken macht der Tunnel keinen Sinn. Was tun?Warten, dass sich die Deutschen zu einem Projekt verpflichten, das sie nicht wollen? Erstens, weil der Personenverkehr nur nachts beschleunigt wird, und zweitens, weil sie sich darauf verlassen können, dass Österreich die Gemeinschaftsverträge nicht brechen wird - also weder eine Strafmaut noch Streckenblockaden einführt. Auf Deutschland zu warten hieße, wieder eine Legislaturperiode sinnlos zu vertrödeln. Nein, die Entscheidung liegt ganz alleine bei uns. Die EU, Italien und Deutschland werden mitziehen, wenn Österreich vorangeht. Glauben wir also daran, dass der Tunnel die Inntaler Verkehrshölle entlasten kann? Ist uns das mindestens sieben Milliarden Euro wert, die wir ganz alleine tragen? Es gibt keine vernünftige Antwort, sondern nur Visionen: Wenn der Tunnel 2016 fertig ist, werden die Treibstoffkosten vermutlich um einiges höher, die CO2-Thematik noch relevanter sein. Und manchmal passieren auch Wunder. 2007 schrieb die Betreibergesellschaft der Bahn durch den Eurotunnel, Eurostar, erstmals Gewinne.

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