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"Die Presse" Leitartikel: Die Utopie von der Welt ohne Atombomben von Christian Ultsch

Ausgabe vom 09.02.2009

Wien (OTS) - Ganz wird man den Geist der Atombombe nicht zurück in
die Flasche kriegen. Einen Versuch ist es trotzdem wert.

Abrüstung, wer interessiert sich schon für Abrüstung? START I, START
II, ABM - das alles sind Chiffren der Langeweile geworden, die nach
der Ödnis des Kalten Krieges klingen, nach Friedensmärschen in selbst
gestrickten Pullovern, ungefähr ähnlich spannend wie Karottenhosen,
"Knightrider" oder ein alter Kassettenrekorder aus den 80er-Jahren.
Der "Day after", das war gestern. Kaum ein Zeitgenosse lässt sich
heute noch von der Vorstellung beunruhigen, dass rund um den Globus
in tausenden Bunkern Nuklearwaffen schlummern und ein falscher
Knopfdruck den Planeten verheeren könnte.
Man hat es sich in einer gigantischen Verdrängungsleistung direkt am
Vulkan unbeschwert eingerichtet. Es ist ja bisher auch alles gut
gegangen; seit 1945 ist keine Atombombe mehr detoniert. Warum also
sollte man sich unnütz aufregen, wo doch der Kalte Krieg längst
vorbei ist?
Genau deshalb. Weil der Kalte Krieg Geschichte ist und dessen
überschaubare Regeln nicht mehr gelten. Die These, dass Atombomben
letztlich eine Art Lebensversicherung sind, weil sie ein
Gleichgewicht des Schreckens herstellen, war - Stichwort: Kuba-Krise
- schon immer etwas gewagt.
In der unübersichtlichen Welt von heute lässt sie sich nicht mehr
halten. Das Gleichgewicht des Schreckens basierte darauf, dass
einander zwei Blöcke gegenüberstanden, die rational handelten. Das
Wissen, durch einen Gegenschlag selbst zerstört zu werden, hielt sie
ab, Atombomben zu zünden. Dieses Prinzip nannte sich MAD (mutual
assured destruction; wechselseitig zugesicherte Zerstörung).
In der gegenwärtigen Ära asymmetrischer Konflikte gibt es jedoch von
Osama bin Laden abwärts genügend Spinner, die verrückt genug wären,
einen Weltenbrand in Kauf zu nehmen. Das Terrornetzwerk al-Qaida hat
nachweislich versucht, an Nuklearmaterial heranzukommen. Die
Wahrscheinlichkeit, dass Bin Ladens Akquisitionsabteilung Erfolg hat,
ist höher, je mehr Atomwaffen und Atomstaaten existieren. Das ist
auch einer der Hauptgründe, warum dem Iran und Nordkorea die Bombe
aus der Hand geschlagen werden sollte. Denn sonst könnte ein fataler
neuer Rüstungswettlauf in Gang gekommen.
Am besten wäre es, die Atombomben ganz abzuschaffen. Das haben sich
nicht irgendwelche naiven Pazifisten ausgedacht, sondern eine
prominente Gruppe amerikanischer Ex-Politiker, die zu ihrer Amtszeit
nicht mit romantischen Utopien auffielen, sondern mit knallhartem
Realismus. In einem gemeinsamen Brief sprachen sich die ehemaligen
republikanischen US-Außenminister Henry Kissinger und George Shultz
sowie Ex-Verteidigungsminister William Perry und Ex-Senator Sam Nunn
schon Anfang 2007 für eine Welt ohne Nuklearwaffen aus. Ihr Aufruf
schlug Wellen, Dutzende Persönlichkeiten schlossen sich an, auch der
mächtigste Mann der Welt: Barack Obama outete sich vergangenen Sommer
in Berlin vor 100.000 Menschen als Anhänger der Nulllösung. Und an
diesem Wochenende brach Deutschlands Außenminister Frank-Walter
Steinmeier auf der Münchner Sicherheitskonferenz eine Lanze für die
Idee.

Ob wirklich je der Tag kommen wird, an dem auch die letzte Atombombe
vernichtet wird, ist natürlich zweifelhaft. Der Aladin der Neuzeit,
der den Geist der Atombombe zurück in die Flasche zwingt, ist
wahrscheinlich noch nicht geboren. Am Ende wird wohl immer das
sogenannte "Gefangenendilemma" seinen Tribut fordern: Natürlich hätte
die Welt am meisten davon, wenn alle ihre Atomwaffen niederlegen.
Schön wär's: Für die völlige Entwaffnung aber wird das Vertrauen in
die anderen vermutlich nie ganz reichen.
Doch es wäre auch schon viel gewonnen, wenn die Atommächte mit ersten
Abrüstungsschritten begännen. Es ist völlig hirnrissig, weltweit
27.000 Nuklearbomben gebunkert zu haben, wenn auch ein Zehntel davon
locker für die Zerstörung des Planeten langt. Ausmisten sollten da
vor allem die USA und Russland, die über 90 Prozent aller Atomwaffen
besitzen.
Sie kämen damit auch einem Versprechen nach, das sie 1968 im
Atomsperrvertrag abgegeben haben und seither nicht halten. Der Deal,
den ein gewisser George W. Bush mit der Entwicklung von Mini-Nukes
und anderen Alleingängen löchriger als Schweizer Käse machte, lief
damals nämlich so: Die Habenichtse verzichten auf die Bombe, und die
Atommächte arbeiten im Gegenzug auf eine komplette Abrüstung hin.
Mehr Vertragstreue würde nicht schaden - und verliehe auch der Übung
mehr Glaubwürdigkeit, einem Staat wie dem Iran die Atombombe
auszureden.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

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