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Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Der Kirchen-Aufreger"
Ausgabe vom 7. Februar 2009
Wien (OTS) - Mein Gott, ist diese Kirche aufregend. Das hat die
vergangene Woche eindringlich gezeigt. Linke deutsche Tageszeitungen
rufen zum Austritt aus der Kirche auf, rechte katholische Plattformen
sammeln Unterschriften für den Papst. Und in Österreich fahren der
ORF und der linke Rand der Kirche seit über einer Woche eine
Privatkampagne gegen einen neuen - sagen wir:
provinziell-bodenständigen Weihbischof. Und zwar mit einer Vehemenz,
als ob katholische Fundamentalisten zu Selbstmordattentaten
aufgerufen hätten.
Daher in aller Gelassenheit ein paar Fakten.
Erstens: Linke wie Rechte sind Opfer ihrer verzerrten Sichtweise.
Denn beide ignorieren, dass der Bibel wie der katholischen Lehre
zufolge Päpste wie Bischöfe ununterbrochen irren und sündigen können.
Und es wohl auch tun. Die Geschichte der katholischen (aber etwa auch
der protestantischen und orthodoxen) Kirche kennt zahlreiche
Verfehlungen von Klerikern, die schlimmer waren als die jetzigen
Vorwürfe. Die aber absolut nichts über Wesen und Richtigkeit einer
Lehre beweisen.
Zweitens: Etliche Äußerungen der Pius-X-Brüder sind dumm, falsch,
unappetitlich und in einigen mitteleuropäischen Ländern auch
strafbar. Das ist aber kein Grund für eine Exkommunikation, nicht nur
deshalb, weil man die Causa anderswo viel ruhiger sieht
(interessanterweise auch in Israel). Die Kirche exkommuniziert ja
auch nicht Mörder oder andere Verbrecher. Diese zu bestrafen, ist
Sache des Kaisers, pardon Staates. Wir leben ja zum Glück nicht unter
der Scharia des Islams.
Drittens: Viel schlimmer wäre es für die Gläubigen hinzunehmen,
würden die Pius-X-Brüder nun nicht nur - aus christlicher
Barmherzigkeit und Vergebungsbereitschaft - als sündige Gläubige
toleriert, sondern darüber hinaus irgendeinen, wenn auch nur
marginalen, priesterlichen Auftrag bekommen. Es sei denn, sie
distanzieren sich ohne gekreuzte Finger von allem Widerwärtigen, wie
der Leugnung der Nazi-Gaskammern. Die ja eine ganz andere Provokation
bedeutet, als wenn ein Landpfarrer keine Ministrantinnen beschäftigt.
Viertens: Erstaunlich ist, wie wenig die Kirche von Rom bis Wien
(die Deutschen stehen besser da) über modernes Krisenmanagement,
Recherche- und Kommunikationsstrategien verfügt. Beten und
Sich-Verstecken allein ist zu wenig.
http://www.wienerzeitung.at/tagebuch
Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
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Tel.: 01/206 99-478
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