WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Diese Lawine lässt sich nur schwer stoppen von Michael Laczynski

Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft gefährden Freihandel

Wien (OTS) - "Wehret den Anfängen!" ist das passende Motto für jene Debatte über den aufziehenden Protektionismus, die derzeit in den Medien geführt wird. Mit teils hysterischen Untertönen beschwören Kommentatoren die Vision der 1930er-Jahre mit ihren Handelskriegen und einer eskalierenden Abfolge von Schutz- und Strafzöllen. Die Conclusio lautet stets gleich: So etwas dürfe nie wieder passieren, schließlich sei die Globalisierung ein grenzübergreifender Segensbringer. Die Hysterie ist verständlich. Zum ersten Mal seit 1945 erleben die Menschen im Westen, dass ihr System nicht so stabil ist wie sie dachten. Wer in dieser "Ersten Welt" jünger ist als 65, kennt derart fundamentale Krisen nur vom Hörensagen - anders als etwa die Osteuropäer, die vor 20 Jahren einen Totalkollaps miterleben mussten. Dort weiß man aus eigener Erfahrung, dass die Art und Weise, wie Wirtschaft und Gesellschaft geordnet werden, nicht gottgegeben und ewig während ist.

Noch können die protektionistischen Maßnahmen, die dieser Tage so viel Aufregung verursachen, an den Fingern beider Hände abgezählt werden. Es trifft uns auch nicht sonderlich, wenn Indien die Importzölle für Soja anhebt oder Russland die Einfuhr von japanischen Gebrauchtautos limitiert. Doch damit wird eine Lawine ins Rollen gebracht, die sich kaum noch stoppen lässt.

Fatalerweise wirken globale Ungleichgewichte wie ein Verstärker: Auf der einen Seite haben wir Länder wie die USA, wo bis dato Privatkonsum der Wachstumsmotor Nummer eins war. Auf der anderen Seite stehen Deutschland, Japan und China, die ihre Konsumenten einer radikalen Diät unterzogen haben mit dem Ziel, international wettbewerbsfähig zu werden. Das ist auch gelungen - freilich auf Kosten der Reallöhne und Ersparnisse, die etwa in Japan seit Jahren zurückgehen.

Und nun soll alles ganz anders sein. Jetzt sollen sich Japaner, Deutsche und Chinesen en masse all die Dinge leisten, die in den USA produziert werden. Doch die Finanzkrise hat viele Sparkonten dezimiert, und allfällige Lohnzuwächse werden in Zeiten rasant steigender Arbeitslosigkeit wohl zu einem großen Teil auf der hohen Kante landen.

Die Hoffnung auf den rettenden Kaufrausch ist also illusorisch. Spätestens dann, wenn die betroffenen Länder Versuche unternehmen, die Krise mit bewährten Mitteln (also durch Unterstützung der Exporte) zu bekämpfen und dadurch eine US-Gegenreaktion provozieren, sind wir bei jenem Szenario angekommen, vor dem sich alle fürchten.

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