- 20.01.2009, 17:08:04
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Wir werden noch viele Zwangsehen sehen - von Alexis Johann
Die Krise könnte den Widerstand gegen die Österreicher brechen
Wien (OTS) - Spannend wird es in diesem Jahr auf jeden Fall. Kein
Stein bleibt auf dem anderen. Bis Mitte des Jahres will Fiat 35
Prozent an Chrysler übernehmen. Der italienische Autokonzern, vor
kurzem noch im Kummerdepot von General Motors, entpuppt sich als
Retter des drittgrößten US-Autoherstellers. Probleme haben zwar
derzeit beide, doch das Teilen des Leides rechtfertigt noch nicht den
Deal. Chrysler hofft auf das Fiat-Vertriebsnetz, Fiat auf die
Eroberung des US-Markts. Und Chrysler könnte schneller produzieren,
was seine Käufer derzeit verlangen: kleine Autos. Die Krise nährt
also noch einmal den Glauben an eine Übersee-Symbiose, die in guten
Zeiten Daimler verzweifeln liess.
Diese Zwangsehen führen Investmentbanken, Wirtschaftsprüfer und
Juristen unter dem Begriff "Distressed Mergers". Und sie wissen, dass
sie in diesem Jahr noch vieler dieser Hochzeiten als Trauzeugen
beiwohnen werden. Die großen Banken sind zwar bereits zusammengeführt
und in der Luftfahrt hat es - zuletzt mit AUA und Alitalia - erste
Bereinigungen gegeben. Doch neben der Finanz- und Autobranche werden
2009 auch Autozulieferer, Medienhäuser, Transport- und
Logistikunternehmen, Versicherungen, Bauunternehmen und
Metallkonzerne fusionieren. Entweder, weil es einem der beiden
Partner - oder wie bei Chrysler/Fiat sogar beiden - schlecht geht
oder weil die Wachstumsfantasien, unter der in den vergangenen Jahren
Märkte erobert wurden, zerplatzt sind.
Die österreichische Wirtschaft beobachtet gespannt, wie die
heimischen Großunternehmen die Auslandsexpansionen der vergangenen
Jahre verdauen. Denn in ihrem Sog konnten tausende rot-weiß-rote
Dienstleister, Berater und Lieferanten in den Osten ziehen und damit
für Arbeitsplätze und außerordentliches Wirtschaftswachstum sorgen.
Sind die Ostpioniere wie Telekom Austria, OMV, Erste Bank,
Raiffeisen, Strabag, Wiener Städtische und Uniqa jetzt gezwungen,
ihre Ostnetzwerke an größere Marktteilnehmer abzustoßen? Waren die
Kosten der Auslandsabenteuer zu hoch?
Wahrscheinlich werden sie nicht verkaufen, versichern Experten. Es
wäre unlogisch, dass Konzerne in schwierigen Zeiten dort austeigen,
wo sie im Gegensatz zum Heimatmarkt Wachstumspotenzial sehen.
Auszuschließen ist es nicht, denn als Käufer lauern nicht nur
Konkurrenten auf ein Schnäppchen, sondern auch Private Equity Fonds,
die noch jede Menge liquide Mittel aus der Zeit übrig haben, in der
sie mit Investorengeldern überschüttet wurden. Wer sagt, dass die
Krise nicht zur Chance wird? Vielleicht bricht die Krise in Ungarn
der Widerstand gegen die OMV.
Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/300
http://www.wirtschaftsblatt.at
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