ÖFFENTLICHE Erklärung über die Ermordung von Umar Israilov von seinem Vater, Ali Israilov

Wien (OTS) - Am 13. Jänner 2009 wurde mein Sohn, der 27-jährige Umar Israilov, in der Nähe seiner Wohnung in der Leopoldauerstrasse in Wien ermordet. Er hinterläßt seine Frau und drei kleine Kinder.

Nach dem Mord an Umar haben einige österreichische Medien meinen Sohn und seine Vergangenheit in ein falsches Licht gerückt. Mit dieser öffentlichen Erklärung möchte ich die notwendigen Richtigstellungen vornehmen.

Im Jahr 2001 hat sich mein Sohn - genau wie hunderte andere junge Tschetschenen - in unserem Dorf Mesker-Yurt der Widerstandsbewegung angeschlossen. Einige österreichische Medien haben nahegelegt oder behauptet, dass mein Sohn mit Movsar Baraev zu tun gehabt hätte, der die Geiselnahme auf das Dubrovka-Theater in Moskau im Oktober 2003 geleitet hat. Das ist unrichtig. Mein Sohn war ein junger null-acht-fünfzehn Rebell, der zu einer lokalen Rebellengruppe gehörte.

Im April 2003 haben tschetschenische Sicherheitskräfte unter dem Kommando von Ramzan Kadyrov, dem gegenwärtigen Präsidenten von Tschetschenien, meinen Sohn in der Nähe unseres Dorfes verhaftet. Sie haben ihn in Kadyrov’s Stützpunkt im Dorf Tsentoroi gebracht, wo er für ungefähr drei Monate gefangen gehalten wurde. Während der Gefangenschaft meines Sohn, haben Kadyrov und seine Männer ihn wiederholt gefoltert. Ramzan Kadyrov persönlich hat ihm Elektroschocks versetzt und ihn geschlagen.

Im Sommer 2003 wurde mein Sohn bezüglich seiner Beteiligung bei den Rebellen amnestiert und gezwungen, Kadyrov’s Sicherheitskräften beizutreten. Er arbeitete mehrere Monate in der Leibwache von Kadyrov, bis er schliesslich in unser Heimatdorf geschickt wurde, wo er die Mitglieder der lokalen Rebellengruppe verhaften sollte. Umar wurde sowohl während seiner Haft als auch während seiner Tätigkeit für die Sicherheitskräfte Zeuge von zahlreichen Verbrechen, die von den unter dem Kommando von Kadyrov stehenden Sicherheitskräften begangen wurden, unter anderem aussergerichtliche Hinrichtungen, systematische Folter, Fälle von "Verschwindenlassen" von Menschen und illegale Haft.

Im Herbst 2004 schafften es Umar und seine Frau, aus Tschetschenien zu fliehen und suchten in Europa Zuflucht. Umar wollte nicht an den Verbrechen teilnehmen, die Kadyrov’s Sicherheitskräfte in Tschetschenien begingen.

Innerhalb von wenigen Wochen nach Umar’s Flucht aus Russland nahmen Kadyrov’s Sicherheitskräfte mich, meine Frau und die Schwägerin meines Sohnes fest und brachten uns zu Kadyrov’s Stützpunkt in Tsentoroi. Die nächsten zehn Monate verbrachte ich an verschiedenen inoffiziellen Anhalteplätzen in illegaler Haft und war Folter und Mißhandlungen ausgesetzt. Kadyrov’s Männer brachen mir meine Rippen und schlugen mir Zähne aus, um herauszufinden, wo Umar sei. Schliesslich rief Ramzan Kadyrorv von meinem Mobiltelefon aus meinen Sohn an, der sich zu dieser Zeit in Polen befand, und teilte ihm mit, dass er mich und seine Schwägerin töten würde. Mein Sohn wusste jedoch, dass er getötet werden würde, sollte er nach Tschetschenien zurückkehren, und flüchtete schließlich weiter nach Österreich, in der Hoffnung, dass Kadyrov letztlich seine Angehörigen wieder freilassen würde. Im Sommer 2007 erhielt Umar Asyl in Österreich.

Nach meiner Freilassung im Oktober 2004 floh ich mit dem Rest meiner Familie ebenfalls aus Tschetschenien und erhielt Asyl in Europa.

Sowohl Umar als auch ich wollen, dass in Bezug auf die Verbrechen, die wir und andere durch Ramzan Kadyrov und seine Kräfte erlitten haben, der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Uns war und ist die Gefahr bewusst, die darin liegt, aber in dem Glauben dass wir in sicheren Asylländern leben, dachten wir, dass es unsere Pflicht sei, das zu tun.

Wir haben bei der russischen Staatsanwaltschaft Anzeigen eingebracht und haben unseren Fall auch vor den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof gebracht, worin wir die systematischen Verbrechen der unter Kadyrov’s Kommando stehenden Sicherheitskräfte als auch von Kadyrov persönlich detailliert beschrieben haben.

Nachdem wir unsere Anzeigen bei der russischen Staatsanwaltschaft eingebracht hatten, begannen die Probleme für meinen Sohn in Österreich.

Die Russische Föderation versuchte, meinen Sohn nach Russland ausgeliefert zu bekommen. Im Jahr 2007 wurde ein internationaler Haftbefehl erlassen, in dem Umar des Terrorismus, der Teilnahme in illegalen bewaffneten Gruppen, und eines Mordanschlags auf einen Sicherheitsmann beschuldigt wurde. Österreich verweigerte die Auslieferung. Eine Untersuchung durch die österreichische Staatsanwaltschaft befand, dass es keine faktengestützte
Grundlage für eine Anklage meines Sohnes gebe, einer terroristischen Organisation anzugehören, terroristische Akte begangen zu haben oder jemandem schweren körperlichen Schaden zugefügt zu haben.

Dann, im Juni 2008, wurde Umar von einem unbekannten tschetschenischem Mann kontaktiert, der abwechselnd Drohungen und süße Worte benutzte, um ihn dazu zu bringen, nach Tschetschenien zurückzukehren und seine Anzeige gegen Kadyrov zurückzuziehen. Nach mehreren Treffen mit meinem Sohn hat der Mann plötzlich um Asyl in Österreich angesucht. Er sagte der Polizei, dass er von Ramzan Kadyrov persönlich nach Österreich geschickt worden sei, um meinen Sohn nach Tschetschenien zurückzubringen, und dass, während er in Österreich war, er von Kadyrov’s rechter Hand angerufen wurde mit der Mitteilung kontaktiert worden war, dass Umar nicht länger in Tschetschenien gebraucht werde, dass er aber kein Killer sei and deshalb Asyl beantrage. Er sagte auch, dass er in Kadyrov’s Residenz eine Liste mit 300 Namen von Tschetschenen gesehen habe, die "sterben müssen", und ungefähr 50 davon seien in Österreich aufhältig. Kurz danach zog der Mann seinen Asylantrag zurück und verschwand.

Nach einigen Monaten relativen Friedens und Ruhe bemerkte Umar einen unbekannten tschetschenischen Mann, der ihm im Dezember 2008 wiederholt in der Nähe seiner Wohnung begegnete. Er fühlte sich bedroht, informierte die Polizei und fragte wiederholt um Hilfe. Ich bedaure es zutiefst, dass die österreichische Polizei daraufhin nicht aktiv wurde. Nach dem, was im Juni 2008 passiert war, ist es sehr schwer für mich diesen Mangel an Reaktion zu akzeptieren.

Ich hoffe, dass die österreichischen Behörden eine gründliche Untersuchung durchführen, wie das nach all den Warnsignalen passieren konnte. Es wird meinen Sohn nicht zurückbringen, aber es könnte in Zukunft die Leben von anderen schützen.

Zum Schluss möchte ich an die österreichischen Behörden appellieren, den Mord an meinem Sohn gründlich und umfassend zu untersuchen, sodass sowohl seine unmittelbaren Mörder als auch jene, die seinen Mord in Auftrag gegeben haben, der Gerechtigkeit zugeführt werden können. Ich fordere die Russische Föderation auf, in vollem Umfang bei der Untersuchung zu kooperieren, selbst
wenn das Resultat unbehaglich für die russischen oder tschetschenischen Behörden sein sollte.

Ich habe keinen Zweifel daran, dass mein Sohn für seine Bemühungen Gerechtigkeit zu suchen mit seinem Leben bezahlt hat,. Ich weiss auch, dass mein Name der nächste auf der Liste der Killer sein könnte. Aber Gerechtigkeit muss die Oberhand gewinnen, und ich werde die Gerechtigkeit weiter suchen so gut ich kann.

Ali Israilov, 15.1.2009

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