• 14.01.2009, 19:35:21
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ohnmächtige Geisel: Europa und der Kalte Krieg ums Gas" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 15.01.2009

Graz (OTS) - Es ist kalt in Europa, bitterkalt. Seit Tagen liefern
sich Russland und die Ukraine ein aberwitziges Ränkespiel um
Gaslieferungen, bei dem es um viel Geld, um Macht und darum geht, den
jeweils anderen am Ende als Schuldigen dastehen zu lassen: Verträge
werden unterschrieben und gebrochen, Gashähne auf- und zugedreht. Und
mittendrin, zwischen den Streithähnen, sitzt die EU und schaut
hilflos zu, während Europa friert.

Wer in diesem Machtspiel um angeblich gestohlenes Gas der Täter ist,
und wer das Opfer, lässt sich schwer beurteilen. Kiew ist sicher
nicht das Unschuldslamm, als das es sich ausgibt. Andererseits haben
die Russen als Erste den Gashahn zugedreht. Wie schon der Krieg in
Georgien, die Drohgebärden im Kosovo und der Raketenstreit ist der
Lieferstopp Teil der aggressiven Außenpolitik, die Russland unter
Wladimir Putin eingeschlagen hat, um seine einstige Weltmachtrolle
wiederzuerobern. Kiew mussnun dafür büßen, dass es sich dem Westen
zugewandt hat. Zur doppelten Erpressung wird das ukrainische Exempel
deshalb, weil gleich auch die europäische Bevölkerung mit in
Geiselhaft genommen wird.

Dass die EU im Gasstreit zur Marionette degradiert wird, hat sie sich
selber zuzuschreiben. Europa hängt am russischen Gas wie ein Junkie
an der Nadel. Und das wird wohl länger so bleiben. Bis 2020 sollen 60
Prozent des Gasbedarfs aus Sibirien kommen. Europa ist sich seiner
Verwundbarkeit bewusst. Aber es hat bisher viel zu wenig getan, um
auch Russland ökonomisch stärker unter Druck zu setzen. Nur so
könnten die Europäer sich dauerhaft Moskaus Respekt verschaffen.

Das Schauspiel, das sie stattdessen bieten, ist erbärmlich:
Eigentlich kann es niemandem egal sein, wenn in Serbien und Bulgarien
Kinder, Alte und Kranke frieren und in der Slowakei die Fabriken
schließen müssen. Trotzdem verhalten sich die an Vorräten reichen
Mitglieder so, als ob sie die ganze Misere nichts anginge.

Besonders unrühmlich tut sich das ohnedies zur Atom-Hysterie neigende
Österreich hervor, wo Politiker aller Couleurs die Slowaken wegen dem
möglichen Neustart Bohunices jetzt als Bösewichte Europas
brandmarken, selber aber keinen Finger krumm machen, um dem Nachbarn
in Not zu helfen.

So ist der Gasstreit längst zum europäischen Problem geworden.
Während die einen auf vollen Speichern sitzen, schlottern die anderen
vor Kälte. Und Europa steuert auf eine neue Teilung zu. Diesmal
trennt aber kein Eiserner Vorhang Ost von West, sondern das russische
Erdgas treibt einen tiefen Keil in die EU.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
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