- 12.01.2009, 20:00:40
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wer auf Atomkraft setzt, hat den Energie-Poker verloren" (von Ernst Sittinger)
Ausgabe vom 13.1.2009
Graz (OTS) - Dieses Desaster war absehbar: Kaum werden Europas
Energiepolitiker mit großer Verspätung gewahr, dass ihre Länder am
russischen Erdgas-Tropf hängen, haben sie auch schon eine untaugliche
Alternative zur Hand. Mit gezückter Kernkraft-Karte stürzen sie sich
in Wladimir Putins Energie-Poker-Partie.
Es ist eine strahlende Zukunft, die sich da auftut: Wenn neue
Atomkraftwerke den Energiehunger stillen, kann sich Putin brausen
gehen und niemand muss Abstriche vom Generalwohlstand machen.
Außerdem wird die lästige CO2-Problematik gedämpft.
Allerdings kann kein Zweifel bestehen, dass die Renaissance der
Atomkraft Europas Energie-Misere nicht löst. Man wird ein bisschen
Zeit gewinnen, um sich am Ende doch einzugestehen, dass man noch
tiefer in der Sackgasse steckt. Dabei muss man gar nicht vom
berühmten "GAU" ausgehen. Auch ohne rätselhafte Kühlwasser-Austritte
und explodierende Reaktoren bleibt die Tatsache, dass man für
Kernkraft Uran benötigt. Das wächst nicht in Europa auf den Bäumen,
sondern wird importiert - aus Kanada, Australien, Niger, Kasachstan
und ironischerweise aus Russland. Der eine Rohstoff-Poker würde also
nahtlos durch den anderen ersetzt. Die Uran-Vorräte gehen vermutlich
zeitgleich mit dem Erdöl zur Neige.
Auch ist vorerst leider kein Energieverbraucher bereit, den
jahrtausendelang strahlenden Atommüll bei sich im Garten zu
vergraben. Die ungelöste Endlager-Frage muss uns natürlich nicht
bekümmern - soll sich doch die Nachwelt mit unserem Mist
herumschlagen. Dazu passt ein Zitat des deutschen Sozialpsychologen
Harald Welzer: "Nach dem Ende der Kolonialzeit ist die Zukunft der
letzte Ort, an den wir unsere Probleme auslagern können."
Doch auch die Anti-Atom-Linie hat ihren Preis. Sie ist unehrlich, so
lange kein Atomgegner sagt, wie wir den wachsenden Energiebedarf
stillen. Österreich importiert ein Zehntel des Stroms aus
Atom-Ländern. Ein weiterer starker Ausbau der Wasserkraft wird das
Minimum sein und sollte endlich von Umweltschützern als geringeres
Übel akzeptiert werden, wenn nicht die Formel "Kohle statt Atom" den
nächsten Irrweg weisen soll. Dazu werden Effizienz, Wärmedämmung und
Energiesparen ein riesiges Thema. Biomasse und Solarstrom müssen uns
hohe Investitionen wert sein.
Letztlich müssen wir uns selber prüfen, inwieweit wir zu moderaten
Einschränkungen unseres Komforts bereit sind, um politische
Stabilität und lebenswerte Umwelt zu bewahren. Das ist die Kern-Frage
der Energiepolitik.****
Rückfragehinweis:
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