"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wer auf Atomkraft setzt, hat den Energie-Poker verloren" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 13.1.2009

Graz (OTS) - Dieses Desaster war absehbar: Kaum werden Europas Energiepolitiker mit großer Verspätung gewahr, dass ihre Länder am russischen Erdgas-Tropf hängen, haben sie auch schon eine untaugliche Alternative zur Hand. Mit gezückter Kernkraft-Karte stürzen sie sich in Wladimir Putins Energie-Poker-Partie.

Es ist eine strahlende Zukunft, die sich da auftut: Wenn neue Atomkraftwerke den Energiehunger stillen, kann sich Putin brausen gehen und niemand muss Abstriche vom Generalwohlstand machen. Außerdem wird die lästige CO2-Problematik gedämpft.

Allerdings kann kein Zweifel bestehen, dass die Renaissance der Atomkraft Europas Energie-Misere nicht löst. Man wird ein bisschen Zeit gewinnen, um sich am Ende doch einzugestehen, dass man noch tiefer in der Sackgasse steckt. Dabei muss man gar nicht vom berühmten "GAU" ausgehen. Auch ohne rätselhafte Kühlwasser-Austritte und explodierende Reaktoren bleibt die Tatsache, dass man für Kernkraft Uran benötigt. Das wächst nicht in Europa auf den Bäumen, sondern wird importiert - aus Kanada, Australien, Niger, Kasachstan und ironischerweise aus Russland. Der eine Rohstoff-Poker würde also nahtlos durch den anderen ersetzt. Die Uran-Vorräte gehen vermutlich zeitgleich mit dem Erdöl zur Neige.

Auch ist vorerst leider kein Energieverbraucher bereit, den jahrtausendelang strahlenden Atommüll bei sich im Garten zu vergraben. Die ungelöste Endlager-Frage muss uns natürlich nicht bekümmern - soll sich doch die Nachwelt mit unserem Mist herumschlagen. Dazu passt ein Zitat des deutschen Sozialpsychologen Harald Welzer: "Nach dem Ende der Kolonialzeit ist die Zukunft der letzte Ort, an den wir unsere Probleme auslagern können."

Doch auch die Anti-Atom-Linie hat ihren Preis. Sie ist unehrlich, so lange kein Atomgegner sagt, wie wir den wachsenden Energiebedarf stillen. Österreich importiert ein Zehntel des Stroms aus Atom-Ländern. Ein weiterer starker Ausbau der Wasserkraft wird das Minimum sein und sollte endlich von Umweltschützern als geringeres Übel akzeptiert werden, wenn nicht die Formel "Kohle statt Atom" den nächsten Irrweg weisen soll. Dazu werden Effizienz, Wärmedämmung und Energiesparen ein riesiges Thema. Biomasse und Solarstrom müssen uns hohe Investitionen wert sein.

Letztlich müssen wir uns selber prüfen, inwieweit wir zu moderaten Einschränkungen unseres Komforts bereit sind, um politische Stabilität und lebenswerte Umwelt zu bewahren. Das ist die Kern-Frage der Energiepolitik.****

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