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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das große Wurmlutschen oder: Was will das TV-Publikum?" (von Frido Hütter)
Ausgabe vom 06.01.2009
Graz (OTS) - In der ihm eigenen Direktheit gab Doktor Helmut Thoma
Anfang 1984 die Programmrichtung seines blutjungen Senders RTL an:
"Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler!" Übersetzt:
Das Publikum entscheidet darüber, was gesendet wird und nicht die
Programm-Planer.
Hatten deutsche TV-Anstalten bis dahin vor allem an der Volksbildung
gearbeitet, war das Ziel der Privaten die totale Volksbelustigung.
Und innert kürzester Zeit gab es Spielshows, deren Dämlichkeit man
zuvor nicht für möglich gehalten hätte, Gewaltkino aus den unteren
Schubladen sowie Sex in allen möglichen Varianten. Letzteres hatte
auch sein Gutes: Leute wie Erika Berger oder Lilo Wanders waren
Speerspitzen der zweiten, längst überfälligen Aufklärungswelle in
Deutschland.
Und dann kam das so genannte Reality-TV: Es bediente sich aus
Amateuraufnahmen, die von irgendwelchen Katastrophen, Unfällen o. ä.
gemacht worden waren. In den Zeiten ohne World Wide Web und somit
ohne YouTube waren solche Szenen nirgendwo zu sehen und wurden daher
zur begehrten Ware für die Privaten.
Reality-TV führte RTL & Co aber auch erstmals an die Grenzen des
Wünschenswerten, die ja nicht immer mit jenen des Machbaren identisch
sind: "Nach einem gelungenen Suizid auf dem Bildschirm verkaufst du
im anschließenden Werbeblock keine Fertigsuppe mehr", sagte Ende der
Achtziger ein SAT1-Manager. Also setzte man die Gaffer-Gala wieder
ab.
Man muss sich vergegenwärtigen, in welchem Umfeld das private
Fernsehen entstanden war: Die Öffentlich-Rechtlichen erbauten ihr
Publikum mit Ikebana-Blumenstecken, Russisch-Kursen, Keksebacken. So
genannte Trendsportarten kamen nicht vor. Und Shows wie Wrestling
oder Mud-Racing schon gar nicht.
Vor allem das junge Volk lief scharenweise zu den neuen
Fernsehmachern über, die alten reagierten panisch: Sie kopierten
Shows, kauften Serienmüll en gros, stopften ganze Programmflächen mit
Entertainment zu und beteten fürderhin täglich vor dem Quotenaltar.
Es ist ihnen nicht gut bekommen: Während RTL, SAT1 etc. längst gute
Info-Formate, Dokus und Eigenproduktionen bieten, sind die
Öffentlich-Rechtlichen zunehmend ratlos. In den Anstalten ist das
große Wurmlutschen angesagt. Offenkundig erwartet das Publikum von
ORF, ARD etc. ein etwas anderes Angebot als von der privaten
Konkurrenz. Wie dieses Angebot aussehen könnte, wurde bisher noch
nicht erlutscht.****
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